Aktive Musiktherapie

Roy Rocks Las Bochum

Die Lebensgeschichte von Roy Sanders ist schon eine besondere. Als einziges Kind einer Putzfrau des La Mirage in Las Vegas, wuchs er in der Wüstenstadt auf und wurde dort kurzzeitig zum Superstar und King of Superparty. Als sein Stern dort schon lange verblasst war, kam er über Umwege zum Arbeitsamt nach Bad Salzuflen. Dort traf er auf Bert Kortheim, welcher den ehemaligen Showstar kannte, denn er wuchs mit seinen Platten und einem Bravo-Starschnitt von Roy Sanders über seinem Bett auf. Der hilfsbereite Beamte versuchte dem ehemaligen Entertainer zu helfen und zu vermitteln. Dabei merkte er aber schnell, daß Roy Sanders zusätzlich medizinische Hilfe benötigte, denn in seinem Kopf ist er immer noch der gefeierte Showstar.
Nach medizinischer Beratschlagung mit verschiedenen Ärzten und Therapeuten kam Bert Kortheim auf eine ungewöhnliche Therapie, um seinem Kindheitsidol zu helfen: Er veranstaltet in unregelmäßigen Abständen kleine Konzerte, in denen sich Herr Sanders musikalisch austoben kann. Vor seinem geistigen Auge spielt Roy Sanders immer in den größten Hallen der Republik.

Wie am vergangenen Samstag, als Bert Kortheim den Bochumer Zauberkasten als Ort für die musikalische Therapie ausgesucht hatte. Er schreibt die Veranstaltungen immer bei sozialen Diensten und Medien aus und bittet um Unterstützung von geschultem Fachpersonal. So kamen auch an diesem Abend wieder viele hilfsbereite Menschen aus den verschiedensten Pflegeberufen in dem kleinen Ort zusammen, der seinen Namen zu Recht trägt. Das Etablissement hat schon etwas Zauberhaftes.

Am Anfang hat man Herrn Kortheim angemerkt, daß er es nicht genießt, im Rampenlicht zu sitzen. Als Beamter versucht er jegliche Aufmerksamkeit zu meiden. Im Gegensatz zu dem blonden Zirkuspferd, das vom  ersten Moment an außer Rand und Band war. Roy Sanders schien an diesem Abend besonders aufgedreht. Die beiden unterschiedlichen Musiker begrüßten ihr „Publikum“ 😉 mit „Love is Air“. Immer ein wachsames Auge auf seinen Schutzbefohlenen, ob er auch alle Noten trifft und die richtigen Lieder spielt, blieb Bert Kortheim nichts unbemerkt. Natürlich sorgte er während der ganzen Sitzung fürsorglich dafür, daß der King of Superparty seine Medikamente einnahm und verabreichte einige Pillen, die umgehend die entsprechende anregende oder beruhigende Wirkung hatten.

Die Anwesenden wurden Zeuge, wie die gute Stimmung, für die das ungleiche Duo sorgte, ihren Weg zurück auf die Bühne fand.  Der lustlose Gesichtsausdruck von Bert Kortheim wich schnell dem Frohsinn und selbst Roy Sanders konnte sich ein echtes Lachen mehr als einmal nicht verkneifen. Egal, ob Roy Lieder von seinem vermeintlichen Vater, deutsche Gassenhauer oder Hits von KISS oder Al Bano & Romina Power spielte: Alles tat er mit ansteckender Energie. Vor sich, tausende begeisterter Fans im Hard Rock Hotel in Las Vegas. Zumindest durch die Gläser seiner Sonnenbrille hatte der Zauberkasten eine verblüffende Ähnlichkeit damit.

Zwischen den Liedern erzählte er aus seinem bewegten Leben. Um Verständigungs-schwierigkeiten zu vermeiden, übersetzte Herr Kortheim die englischsprachigen Ansagen.  Nicht immer wortwörtlich, aber das kann man dem kleinen Mann mit dem großen Herzen wahrlich nicht ankreiden. Dafür hat er gelernt, sich von Roy Sanders nicht immer die Show stehlen zu lassen. Bei einigen Liedern durfte er ans Mikro. Aber selbst, wenn er auf der Bühne ein Lied vorträgt, vergißt er nie seine Mitmenschen. Besorgt fragte er nach, als eine blonde Frau in der ersten Reihe keine Luft mehr zu bekommen schien; das Plektrum blitzschnell gegen einen Kugelschreiber für den Luftröhrenschnitt getauscht. Zum Glück war der Einsatz nicht nötig und er konnte sich weiter auf seinen Langzeitpatienten konzentrieren und bot mit ihm weitere Klassiker der Populärmusik dar.

Am Ende des vergnüglichen Abends vergaß selbst Bert Kortheim, daß das Konzert nur einen therapeutischen Auftrag hatte und fiel dem Helden seiner Jugend schmachtend um den Hals. Dem anwesenden Pflegepersonal erging es ähnlich, denn unter lautem Jubel und tosendem Applaus wurden die beiden Hobbymusiker in den Feierabend entlassen. Es ist immer wieder ein gutes Gefühl, wenn man lachend nach Hause fährt, mit der Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben. Deshalb werden wir auch nächstes Mal wieder helfen, wenn Bert Kortheim in einer nächsten Sitzung um Unterstützung bittet.

Dokumentierte Fortschritte

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4 Kommentare zu Aktive Musiktherapie

  1. Andreas sagt:

    Wow. ein ganz toller Bericht über die Show, genau so wars!:-€
    Vielen Dank, sehr spannend zu lesen, hab sehr gelacht!
    Ganz liebe Grüße von der Autobahn…
    Andreas

  2. Steffen sagt:

    Hallo zusammen,

    mal wieder ein gelungener Bericht und tolle Fotos! Man meint geradezu dabei gewesen zu sein… Die Stimmung, die Musik, die Wärme unterm Dach… Der Bericht bringt alles rüber.
    Aber Ernst beiseite. Nochmals vielen lieben Dank für den schönen und lustigen Abend! Es war mal wieder ein Erlebnis, das nur schwer zu beschreiben ist. Tolle und lustige Leute (und ich meine nicht nur den King of Superparty und den Beamten von der traurigen Gestalt), viel Spaß und gute Musik. Herz, was will man mehr?
    Wir sind bestimmt nicht zum letzten Mal dabei gewesen!

    Liebe Grüße aus Duistanbul,
    Steffen

    PS: War das Murmel der im Wagen vor euch saß? Warum war er denn nicht beim Konzert dabei? Bestell mal liebe Grüße!

    • Murmel sagt:

      Hallo Steffen,

      es freut mich, daß es dir gefallen hat.

      Ich war allerdings nicht mit in Bochum. Vor einiger Zeit habe ich meine Schwester wiedergefunden, nach der ich lange Jahre gesucht hatte. Wir wurden damals im Andenkenladen getrennt. Murmeline wollte sich einfach mal ein bißchen die Gegend anschauen und fährt ab und zu mit. Ausflüge kannte sie vorher nicht. Nicht jedes Stofftier hat es so gut, wie wir hier und bekommt soviel von der Welt zu sehen.

      Nussige Grüße
      Murmel

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