Alright Deutschland

Two in a row

Einen Tag nach unserem Konzert im rheinischen Rom waren wir schon wieder auf Achse. Am Samstag standen wir vor den Toren der Schleyerhalle. Das letzte Mal standen wir 1999 dort. Und auch das letzte Mal waren wir wegen KISS in Stuttgart. Die amerikanische Band holte ihre ausgefallene Tour des letzten Jahres nach und hetzte uns durch die Republik, denn wir waren bei zwei der vier deutschen Gastspiele dabei. Unsere zweite Begegnung fand zehn Tage später in Frankfurt statt, wir packen aber alles in einen Bericht.

Eine KISS Show beinhaltet feste und liebgewonnene Punkte, zu denen zweifellos der schwarze Vorhang mit dem immensen Bandlogo gehört, der die Bühne während des Umbaus verdeckt. Als das Licht erlosch, die ersten Nebelschwaben sich den Weg unter dem Vorhang bahnten, der Brummton durch die Halle klang und das Intro erschallte, gab es kein Halten mehr. Niemanden hielt es auf seinem Sitz, als der Vorhang mit einem lauten Knall hinunterflog und den Blick auf die vier Musiker freigab, die von oben auf die Bühne herab schwebten.


Sie eröffneten die KISSWorld mit „Deuce“, einem Klassiker des ersten Albums. Überhaupt bestand die akutelle Setlist wieder aus Klassikern und Old School Stücken, wobei wahrscheinlich nur Paul Stanley den Unterschied kennt. Nachdenken sollte man bei KISS sowieso nicht zuviel, denn für Subtiles sind sie nicht bekannt. Dafür scheint der Begriff Rockzirkus für KISS erfunden worden zu sein. Auch nach vierundvierzig Jahren sind sie auf der Bühne nicht zu bremsen. Sobald ihre Plateauschuhe die Bühne berührten, standen sie nicht still. Paul, Gene und Tommy liefen über die Bühne und posten unentwegt. Nachdem sie mit dem zweiten Song die ganze Halle dazu gebracht hatten, es laut heraus zu schreien, wurde es danach ruhiger. Sie unterbrachen in Frankfurt ihren normalen Ablauf, denn das Konzert fand einen Tag nach dem Anschlag in Manchester statt. Paul Stanley rief zu einer Gedenkminute für die Opfer auf. Die Geste fanden wir sehr gut und es zeigt, daß Musik verbindet. Egal, welche Musikrichtung man hört, jeder Konzertbesucher ist von irgendeinem Künstler Fan.

Danach ging es weiter mit der Rock ’n‘ Roll Party und den bekannten und geliebten Showeinlagen. Gene spuckte bei „Firehouse“ Feuer, Tommy schoß bei „Shock Me“ Funken aus seiner Gitarre. Das einzige Lied bei den Shows, bei dem er den Gesang übernahm. Trotzdem mußte er sich nicht hinter den beiden Bandchefs verstecken. Schließlich ist die aktuelle Besetzung schon länger zusammen, als es die Originalbesetzung zusammengerechnet war. Die meisten Fans sind dankbar dafür, daß sie in die Schuhe ihrer Vorgänger geschlüpft sind und die Kostüme des Catman und des Spaceman tragen. Ohne Tommy und Eric wäre unser Konzert 1999 in Stuttgart wirklich unsere letzte KISS-Show gewesen.

KISS touren momentan in den Kostümen der „Creatures of the Night“-Phase und passend dazu haben sie in Amerika fast das komplette Album gespielt. Sogar zwei Lieder der Soloalben wurden drüben gespielt. Für Europa wurde die Setlist wieder umgestellt. Von wegen, KISS spielen immer die gleichen Lieder. :- ) Vielleicht haben sie auf die vielen Einwände seitens der Fans gehört.
Eine Überraschung im Set der KISSWorld-Tour war „Flaming Youth“ vom legendären „Destroyer“-Album. Eigentlich gab es zwei Überraschungen, denn Paul Stanley konnte alle Lieder des Albums aufzählen. ;- ) Und genau genommen gab es in der Setlist eine dritte Überraschung, denn einer der größten Hits, „Love Gun“, wurde nicht gespielt. Aber wer über soviele Jahrzehnte Alben veröffentlicht hat, hat mehr als genug Lieder zur Auswahl. Natürlich stammen die meisten Stücke aus den Siebzigern, der Hochzeit der Band. Trotzdem wurden mit „Crazy, crazy Nights“ aus den späten Achtzigern, „Psycho Circus“ von 1998 und „Say Yeah“ vom ersten Album der aktuellen Besetzung, Lieder aus jeder Dekade berücksichtigt.

Man muß zugeben, daß Paul Stanleys Stimme nicht mehr die beste ist, aber wem kann man schon das Alter vorwerfen? Besonders, wenn der charismatische Frontmann bei jeder Show mit dem Publikum spielt und post als gäbe es kein Morgen mehr. Er lief von rechts nach links über die Bühne, setzte sich an den Bühnenrand, lag wie ein Gitarre spielender Maikäfer auf dem Rücken. In Frankfurt schien er noch besser drauf zu sein als in Stuttgart. Dafür darf Gene Simmons mehr Lieder zum Besten geben und beim obligatorischen Blut spucken wurde wieder „God of Thunder“ angestimmt. Selbstredend von seiner kleinen Plattform weit oberhalb der Bühne, auf die er fliegt. Sein Bandkollege stand ihm in nichts nach und Paul Stanley flog später über die Köpfe des Publikums hinweg auf eine kleine Bühne in der Hallenmitte. Als besondere Überraschung holte sich das Starchild bei jeder Show ein Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne, um mit ihr ein Lied zu spielen. KISS ist halt eine Band für die ganze Familie und begeistert neben den alten Hasen schon längst die nächste Generationen von Rockfans.

Wahrscheinlich aufgrund der Halle, unterschied sich der Bühnenaufbau in Stuttgart etwas von der normalen Bühne in Frankfurt. Die LED-Schirme über den ersten Reihen fehlten in Baden-Württemberg und die Hebebühnen befanden sich rechts und links für Tommy und Gene, auf denen sie während des Konfettiregens in die Höhe stiegen. Paul zertrümmerte derweil stilecht seine Gitarre auf der Bühne. In Frankfurt befanden sich beide Hebebühnen in der Mitte, auf der die Band während der Show in die Luft ging und für den Demon und den Spaceman standen zwei kleinere Kabinen bereit, die sie in luftiger Höhe hinaus über die Köpfe der jubelnden Zuschauer trugen. Selbstredend blieb Eric Singer nicht am Boden zurück, er wurde passend dazu immer wieder mit seinem Schlagzeugpodest in die Höhe gezogen.

Wie immer waren nach „Rock and Roll all Nite“ noch nicht alle Pyros gezündet und die Show noch nicht beendet. Und ebenfalls wie immer ließen die Fans ihre Idole so schnell nicht ins Hotel. Die Stimmung bei beiden Konzerten war phänomenal. Bis in die letzte Reihe sah man klatschende und jubelnde Menschen, die ihre Rockidole abfeierten. Lächelnd und glücklich kamen die vier geschminkten Musiker zurück. Denn kein Deutschlandkonzert ohne „I was made for lovin‘ you“. Feuersäulen und Gesang aus zehntausender Kehlen inklusive. Zum Abschluß rockten die Musiker gemeinsam mit dem Publikum zu „Detroit Rock City“ und ließen sich ein letztes Mal verdient feiern, bevor das Saallicht wieder anging und das Auditorium in die Nacht entließ, bedankten sie sich mit einer Videobotschaft bei den Fans.

Wer Innovation oder Neues erwartet, ist bei KISS falsch. Sie zelebrieren sich und ihre Show, aber dafür weiß man, was man geboten bekommt. Eine gut hundertminütige, energiegeladene Rockshow. Und die Showeinlagen nutzen sich genauso wenig ab, wie die Lieder. Beides kennt man in und auswendig, aber gerade deswegen ist man doch Fan der Band geworden. Wie könnte man sich da beschweren, daß man genau das geboten bekommt?
Es ist absehbar, daß diese vier Zirkuspferde nicht mehr allzu oft in ihre Manege einladen werden, aber wir sind auf jeden Fall wieder dabei. KISS gehört zu den Bands, die man gesehen haben sollte. Und zwar so oft wie möglich. :-D

Two Sides of the Coin to chose from:
Stuttgart from the Pit

Frankfurt from the Balcony

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