Irrlichter in der Turbinenhalle

Internationaler Gesangsverein

Etwas verspätet möchten wir noch einen Konzertbericht nachreichen, auch wenn die Tour inzwischen beendet ist und nur noch Festivaltermine für Avantasia auf dem Kalender stehen. Denn es wäre sträflich, so ein Konzert unter den Tisch fallen zu lassen.

Keine Irrlichter haben uns im März nach Oberhausen gelockt, sondern Tobias Sammet mit einer neuen Rundreise seiner Metal Oper. Fast ganze drei Jahre lag unser erstes Avantasia Konzert zurück, denn logistisch ist es verständlicherweise nicht einfach, immer alle Beteiligten unter einen Hut zu bringen. Schließlich rekrutiert Herr Sammet weltweit die Musiker für seine Avantasia-Alben. Gerade daher wollten wir uns das Gastspiel in der Turbinenhalle nicht entgehen lassen. Dafür war unser erstes Liveerlebnis dieses Ausnahmeprojekts einfach noch zu stark in unseren Erinnerungen präsent. Wo bekommt man schon soviele grandiose Musiker für einen Preis geboten, den schon Solokünstler verlangen? Dazu kommt, daß die meisten Konzerten sich zwischen 90 – 120 Minuten bewegen. 210 Minuten, wie 2013 von Avantasia, dauern die wenigsten Konzerte. Selbst mit Vorband. Und die hatten Avantasia 2016 wieder nicht dabei. Warum auch, wenn man selber genug Hits im Gepäck hat. Nicht zu vergessen die neuen Lieder vom siebten Studioalbum „Ghostlights“.


Los ging es mit „Also sprach Zarathustra“ als Intro, bei dem die Musiker die Bühne betraten und schon jubelnd begrüßt wurden. Tobias Sammet erschien auf den Stufen in der Bühnennitte bei den ersten Tönen von „Mystery of a blood Red Rose“. Mit dem Titel erreichte die Band beim deutschen ESC-Vorausscheid, kurze Zeit vorher, immerhin den dritten Platz. Aber, wie Tobi den Zuschauern versicherte, war das Konzert in der Turbinenhalle schon vorher ausverkauft. Das Publikum quittierte die Bemerkung mit großem Applaus. Wobei ich mich immer frage, wie man neue Fans gewinnen will, wenn man sich freut, daß keine da sind? Will man nicht die Begeisterung für eine Band mit anderen teilen und freut sich über den Erfolg und die Aufmerksamkeit? Komischerweise scheint es, egal in welchem Metier, immer Fans zu geben, die andere in richtige und falsche Fans aufteilen. Wir stehen solchen Ansichten etwas verständnislos gegenüber, schließlich sind doch alle wegen der Musik vor Ort. Egal wie lange man die Band kennt, oder wie viele Alben man im Regal stehen hat.

Zurück nach Oberhausen, die Stimmung war vom ersten Ton an hervorragend. Der ausverkaufte Saal kannte sich im Avantasia Kosmos aus, sang jedes Lied mit und feierte jeden Sänger ab. Den Anfang machte Michael Kiske, der sich beim Titellied des aktuellen Albums zu Tobias gesellte. Danach drehte sich das Gesangskarusell bei jedem Lied und Tobi machte sich die Dienste jedes mitgereisten Sängers zu nutze. Der Däne Ronnie Atkins folgte, wurde erst von Tobi unterstützt, bevor sich Michael Kiske wieder auf die Bühne schlich um zu dritt „Unchain the Light“ anzustimmen. Danach verließen sie die Bühne und machten Platz für den Briten Bob Catley, der Herrn Sammet mit Stimme und großen Gesten bei den nächsten Liedern unterstützte. Beim Titeltrack des „The Scarecrow“-Albums kündigte Tobias Jorn Lande an und erfüllte uns damit einen Wunsch, den wir bei der letzten Tour hatten. Der Norweger hat einfach, wie eigentlich alle Sänger des Abends, eine Ausnahmestimme und bewies bei „Lucifer“, daß er sowohl sanfte als auch harte Töne beherrschte.


Als wären acht Sänger nicht genug, durfte Gitarrist Oliver Hartmann dann bei „The Watchmaker’s Dream“ das Mikro übernehmen und machte auch dabei eine gute Figur. Der Amerikaner Eric Martin saß danach auf den Stufen und trug die Ballade „What’s left of me“ vor, bevor er sich mit Tobi unterhielt und Scherze austauschte. Generell scherzte Tobi zwischen den Lieder wieder oft, teilweise zu Lasten von Herrn Hartmann. Vielleicht werden die Konzerte deswegen so lang. Nur was wären Konzerte von Tobias Sammet ohne die witzigen Ansprachen. Gerade das macht den jungen Frontmann so sympathisch, der, trotz seiner Erfolge, immer auf dem Boden geblieben zu sein scheint. Und auch wenn es der Backdrop zum Album „The Scarecrow“ Glauben machen will, hat er anstelle einer Vogelscheuche doch eher einen Schalk im Nacken.

Es folgte „The Wicked Symphony“, bei dem die beiden Backgroundstimmen von Amanda Somerville und Herbie Langhans mehr in den Vordergrund traten. Herbie blieb direkt vorne und stimmte mit Tobi das HIM-artige „Draconian Love“ an vom neuen Album an. „Farewell“ gehörte zu den wenigen Liedern des Abends, bei dem Tobias Sammet nichtg efragt war, denn die einzige Dame auf der Bühne und Herrn Kiske teilten sich den Liedtext untereinander auf. Damit hatten alle Sänger ihren Song im Spotlight und das restliche Konzert wurde wieder fröhlich getauscht bis alle Beteiligten sich zum absoluten Schlußlied, einem Medley aus „Sign of the Cross“ und „The Seven Angels“ dem Abend wieder nach dreieinhalb Stunden beendeten.

Natürlich unter tosendem Beifall und großer Begeisterung in Oberhausen. Was die Musiker an dem Abend wieder geboten haben is teinfach der Wahnsinn. Ein unglaubliches Konzerterlebniss.
Wo hört man sonst soviele begnadete Sänger, die sich bei den Strophen eines Liedes abwechseln? Und alle auf der Bühne schienen genauso begeistert zu sein. Die gute Chemie der unterschiedlichen Musiker kommt auf der Bühne rüber. Alle scheinen eine große Familie zu sein und Spaß an diesem Projekt zu haben. Daher haben wir keine Bedenken, ob es mit Avantasia weitergeht. Falls wir uns nochmal was wünschen dürfen, Doro, Blaze Bayley und Mr. Lordi würden sich bestimmt auch gut auf einer Avantasia-Scheibe machen. ;- )
Und wahrscheinlich ebenso ein Wunschtraum, aber Bruce Kulick, der einige Lieder auf dem neuen Album eingespielt hat, könnte sich ruhig mal für ein paar Lieder die Gitarre umhängen. Auch auf die Gefahr hin, daß wir uns wiederholen, möchten wir an dieser Stelle wieder Felix Bohnke erwähnen. Für uns ein großes Mysterium wie der sympathische Schlagzeuger den ganzen Abend pausen- und scheinbar mühelos auf sein Instrument eindrischt hat. Tobi stellte an dem Abend klar, daß Felix mehr leisten muß, als ein Fußballprofi und sich auch ein paar Tage vorher mit Fieber hinter die Schießbude setzte.


Sonst bleibt eigentlich nicht viel zu sagen. Die variablen Backdrops und die wechselnden Hosen von Jorn Lande fallen kaum auf, wenn auf der Bühne so viel vor sich geht und man so begnadeten Musikern bei der Arbeit zuhören und -schauen darf. Wir gehen stark davon aus, daß die Geschichte noch nicht vorüber ist.

Ghostpics

Update:
Letzter Platz beim ESC wäre mit Avantasia nicht passiert. :- )

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