Strangewalking

Das Siegener Nachtleben

Der Altmeister des deutschen Kabarett gab sich im Siegener Lyz die Ehre. Leider hatte meine bessere Hälfte Spätdienst, aber die Wahl, alleine auf die Mattscheibe zu starren oder Herrn Hildebrandt zu lauschen war eigentlich keine. So entschloss ich mich nach der Arbeit mein Glück zu versuchen und ließ mich im beschaulichen LYZ auf die Liste der Kartenlosen eintragen. Schon eine Ironie des Schicksals, denn normalerweise lächeln uns unsere Eintrittskarten schon Monate vorher von der Pinnwand zu, aber bei den letzten beiden Auftritten von Dieter Hildebrandt im Siegerland waren wir zu spät dran und auf eine glückliche Fügung angewiesen. Kurz vor 20.00 Uhr wurde ich dann langsam nervös, aber das freundliche Pärchen neben mir spekulierte auch noch auf Karten zu dem ausverkauften Abend. Nachdem sich die glückliche Fügung breitschlagen ließ, bahnten wir drei uns um 19.59 Uhr den Weg in die letzte Reihe, von wo aus man auf alle runterschauen konnte. Eine sehr ungewöhnliche Perspektive, denn eigentlich schaue ich zu Dieter Hildebrandt seit Kindesbeinen auf. ;-)

„Und wer mißbraucht mich“ war einer der Arbeitstitel des Programms, das letztendlich „Ich kann doch auch nichts dafür“ heißt. So nimmt man es Dieter Hildegard …äh… Hildebrandt auch nicht übel, daß er den Anfang seines Programms nicht gefunden hat, denn vorher galt es noch viele brennende Fragen des aktuellen Weltgeschehens zu beantworten, z.B. wer jetzt Sieger der Tour de France von 1999 – 2004 wird. Die Antwort auf diese Frage wußte er nicht, war sich aber sicher, daß es kein Radfahrer sein kann. Und bis alle wichtigen Fragen beleuchtet wurden, war die erste Hälfte schon fast rum. Aber er konnte doch auch nichts dafür.

Diese „Lesungen“ werden nicht langweilig, auch, wenn ich dieses Programm in den letzten Jahren schon zweimal zuvor gesehen hatte. Ich genieße einfach seine Betrachtungsweise auf die Politik und den Alltag. Sie sind nach wie vor genauso scharfsinnig wie amüsant und stellenweise böse. Aber ich habe nie den Eindruck, daß er den Zuschauern seine Meinung aufzwingen will. Er läßt sie an seinen Überlegungen teilhaben, entlarvt so einige hohle Phrasen und Köpfe, ohne das Publikum zu bevormunden. Und ich, als Sportuninteressierter, kann seine Begeisterung für die Übertragung von Sportereignissen sehr gut nachvollziehen, hätte es aber nicht so gekonnt auf den Punkt bringen können. Mit Recht hat der Saal den Auftritt dann mit Standing Ovations quotiert. Als Dank trug der im März 86 Jahre alt werdende Meister des deutschen Wortes ein Gedicht auf schlesisch vor. Was vorher keinem so bewußt war, Schlesisch hat eine gewisse Ähnlichkeit zu dem hier gesprochenen Siegerländer Platt, so daß die R’s besonders betont wurden.

Unscharfe Bilder aus der letzten Reihe

 

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