Warten auf’s KISS-Kind

Creatures of the Innenraum

Immer wenn wir auf unserer Fahrt an die Nordsee durch Hamburg gekommen sind, haben wir uns vorgenommen, die Stadt bei Gelegenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei dem Gedanken ist es geblieben. Da müssen erst vier Amerikaner in die Hansestadt kommen und dort ihr vierzigjähriges Jubiläum feiern, damit wir unser Vorhaben endlich umsetzen. So haben wir am Dienstag unsere sieben Sachen gepackt und uns auf den Weg in den Norden gemacht.

Bei KISS stellt sich die Frage, ob Sitz- oder Stehplatz gar nicht, denn die Antwort kann nur Innenraum lauten. Wir stellten uns dementsprechend früh vor der O2 World in Hamburg an und waren erwartungsgemäß nicht die Ersten. Trotzdem reichte es für einen Platz in der zweiten Reihe, leicht links, direkt vor unser aller Lieblingsdemon. (Auch wenn er im Alter etwas von seiner Bedrohlichkeit verloren hat und eher an Opa Munster erinnert. ;-)) Wenn nach der Vorband der Vorhang mit riesigem Logo die weiteren Auf- und Umbauten auf der Bühne verdeckt, stellt sich die erste leichte Aufregung ein. Ich kann nicht erklären warum, aber alleine das über die jahrzehnte liebgewonnene Logo in dieser Größe vor sich zu sehen ist schon etwas Besonderes. Wie Weihnachten, wenn man vor der Tür steht und darauf wartet, daß der Weg zum Weihnachtsbaum und den Geschenken freigegeben wird. :-)

Als das Hallenlicht ausging und der Vorhang nach dem traditionellem Intro: „Alright Hamburg. You wanted the Best and you got the Best. The hottest Band in the World: KISS!” unter lauten Explosionen zu Boden fiel, sind die Strapazen des Tages vergessen. Auf der aktuellen Tour kamen KISS nicht auf kleinen Hebebühnen von der Hallendecke runter, sondern sie standen direkt hinter dem Vorhang und konnten sofort losrocken. Lediglich Eric Singer schwebte auf seinem erhobenen Schlagzeugpodest ein. In Hamburg gab es kein Halten mehr, als die Band das Konzert mit zwei Klassikern aus ihrem Repertoire begann. Beim dritten Lied, eigentlich DER Opener für ein Konzert, wurden die Stimmen um uns herum nochmal lauter. Ich war sehr überrascht, denn „Psycho Circus“ ist „nur“ 17 Jahre alt und mir war nicht bewußt, daß es so einen hohen Stellenwert hat. Für mich schon, denn wie gesagt, ist das Lied mit der Zeile „Welcome to the Show“, wie kein weiteres prädestiniert, eine Show zu beginnen. Paul Stanley spielte mit den Fotografen im Graben und Gene Simmons das ganze Konzert über mit den ersten Reihen. Er poste was das Zeug hielt. Auch Tommy Thayer, der Jungspund im Bunde, poste mit seiner Gitarre und war ständig in Bewegung. Eric Singer hatte ein neues, durchsichtiges und beleuchtetes Schlagzeug. Auf seinem neuen Podest war er gut zu sehen.

Wir waren sehr gespannt auf die neue Bühne und etwas enttäuscht, als Gene im Voraus erzählte, sie würden die Spinnenbühne der letzten Monster-Tour nicht mitbringen. Die hätten wir gerne in Aktion erlebt. Hinter dem Schlagzeug waren vier riesige LED-Streifen, die bis zur Decke reichten und vier weitere, die daran anschlossen und über die Bühne gingen. Es sah etwas wie ein übergroßer Schuhkarton aus, erzeugte aber eine tolle Wirkung. Zumindest vorne. Wir wissen natürlich nicht, in wie weit der Effekt sich auf die Ränge überträgt. Wenn nur die Musiker groß im Hintergrund eingeblendet werden, empfinden wir so große LED-Wände als sehr ablenkend und waren daher skeptisch. KISS setzten die Wände aber dezenter und passender ein. Manchmal waren es nur simple Animationen, oder einfache Farbstrukturen, die direkt die Atmosphäre auf der Bühne änderten oder das Logo, daß über unseren Köpfen erschien. Besonders schön waren die eingeblendeten Aufnahmen der Bandgeschichte der letzten vierzig Jahre während „Do you love me“. Mir persönlich hat das Video bei „War Machine“ gefallen. Während des Stückes fliegt ein Drache über die Leinwand und speit Feuer. Immer dort, wo er hin spie, kamen die Flammen aus dem Boden. Denn Feuersäulen und –bälle gehören zu KISS wie Make-up, Gitarren und Plateauschuhen.

Der Drache trug nicht zufällig Gene’s Maske denn natürlich durfte ebenfalls der Demon himself während des Liedes zur Fackel greifen und Feuer spucken. So gehört es sich und so muß es sein. Genauso wie sein Solo nicht fehlen darf. Zwar gab es Probleme mit dem Bass und andere Geräusche wurden nicht passend eingespielt, aber daß hinderte ihn nicht daran, Blut zu spucken und zur Hallendecke zu fliegen. Egal wie oft wir das sehen, es wird nicht langweilig und bleibt eine coole Einlage. Besonders, wenn man so hautnah dran ist. Entgegen der letzten beiden Touren, sang Gene von der Plattform unter dem Hallendach wieder das „richtige“ Lied. Auf den letzten beiden Touren wurde „God of Thunder“ ersetzt, kehrte aber zum Jubiläum zurück in die Setlist.

Nach dem Donnergott folgte mit “Parasite” ein älteres Lied, über das ich mich sehr gefreut habe. Wobei die Setlist einige Überraschungen bot und Lieder aus jeder Dekade dabei waren. Besonders der „Creatures“-Block war super, gehören doch „I love it loud“ und „War Machine“ zu Gene’s besten Stücken. Das Titelstück hatten wir live noch gar nicht gehört. „Lick it up“ dagegen schon. Neu war lediglich die Plattform, die Paul und Tommy bei dem Lied die Chance gab, sich die fast ausverkaufte Halle aus der Höhe anzuschauen. Das Schlagzeug erhob simultan dazu Richtung Hallendecke.

Nach „God of Thunder“ durfte Paul wieder durch die Halle fliegen und auf einer kleinen Bühne im hinteren Bereich landen. Wenn er an seinem Stock hängt und quer über die Köpfe der Zuschauer gezogen wird ist es schon ein tolles Bild. Von dort spielte er „Love Gun“ und kehrte erst zum letzten Lied zurück auf die Hauptbühne. „Black Diamond“ beendet in der Regel immer den regulären Teil eines KISS Konzerts und es war das einzige Stück, bei dem Eric Singer den Gesang übernahm. Was bei der neuen Show schade ist. KISS präsentieren sich immer als vierköpfige Band, Tommy und Eric gehen bei der neuen, gestrafften Show und den verkürzten Solo-Einlagen allerdings etwas unter. Beiden hätte jeweils ein eigenes Lied im Scheinwerferlicht zugestanden. Das ist allerdings meckern auf hohem Niveau, denn die Halle feierte KISS die ganze Zeit über ab und forderten auch ohne Verzögerung ihre Zugabe ein, die die Band nur zu gerne gab. Alle vier kamen lachend zurück auf die Bühne um dem Publikum den Rest zu geben.

Zwar forderte Paul das Publikum auf, sich ein Lied zu wünschen, aber wie eigentlich alles bei KISS, ist auch das Show. Gespielt wurden nämlich die üblichen drei Lieder von der Setlist. Den Anfang machte „Shout it out loud“, gefolgt von „I was made vor lovin’ you“. Beides Lieder, die jeder in der Halle problemlos mitsingen konnte und es tat. Bei dem obligatorischen Rausschmeißer „Rock and Roll all Nite“ bestiegen Gene und Tommy zwei in der Bühne versteckten Plattformen, die sie nicht nur in die Höhe, sondern auch im Konfettiregen über die Köpfe der Zuschauer brachten. Das Starchild zerkloppte währenddessen vor dem ebenfalls in der Höhe trommelten Catman seine Gitarre. Rocker werden auch im Alter nicht ruhiger. Aber wer will das schon. KISS boten alle klassischen Elemente auf einer neuen, vielleicht kargen, aber super eingesetzten Bühne.

Böse Zungen bemängeln, KISS würden seit der Reunion 1996 immer die gleiche Show auffahren und lediglich die Bühne ändern. Wir sehen es anders. Bei KISS weiß man was man bekommt: eine gute Rockshow. Und das seit vierzig Jahren. Zwar verzichtet Paul Stanley inzwischen auf seine gesungenen Ansagen nach jedem zweiten Lied und Gene Simmons darf mehr Lieder zum Besten geben, aber dafür geht es Schlag-auf-Schlag. Keine Verschnaufpausen, anderthalb Stunden purer Rock. Wir haben weder Kosten noch Mühen bereut, uns die bekannte Band und die unbekannte Stadt anzuschauen. (Der Hamburgbericht folgt in Kürze.) Eine Tour zum fünfzigsten Jubiläum scheint aufgrund des Alters der Musiker eher unwahrscheinlich, aber wir gehen davon aus, KISS noch mal auf deutschem Boden zu Gesicht zu bekommen. Noch scheinen sie nicht genug von den Bühnen dieser Welt zu haben. Und wir nicht von ihnen. Dem Jubel der Menge nach zu urteilen sind wir da nicht die Einzigen.

Pictures from the Innenraum

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