Audienz nach Noten

Meister der Melodien

Es war die Woche, der seltenen Gäste. Mittwochs gaben sich The B-52’s im E-Werk die Ehre, am Folgetag trat Paul Heaton einige Kilometer entfernt, in der Live Music Hall auf. Zwei Tage darauf bespielte er die Frankfurter Batschkapp.

Paul Heaton war seit 2011 nicht mehr in deutschen Landen aktiv, daher konnten wir uns die Chance nicht entgehen lassen und haben direkt beide Deutschlandtermine in unserem Veranstaltungskalender eingetragen. Das Besondere, er hatte nicht nur seine größten Hits, sondern auch eine großartige Sängerin im Gepäck. Vor sieben Jahren hat er sich wieder mit Jacqui Abbott zusammen getan, die 2000 aus Heaton’s Band The Beautiful South ausgestiegen ist. Gemeinsam haben sie in der Zeit drei Alben veröffentlicht und sämtliche Hallen in Großbritannien ausverkauft. Den Sprung über den Kanal haben sie jetzt erst gemacht, um das neue Best-of Album live vorzustellen. Die Scheibe vereint viele Hits des Briten, aus seiner Zeit bei The Housemartins, The Beautiful South, genauso wie Solo-Songs oder Stücke aus der Heaton/Abbott Phase. Jeder, der meint, wir hätten einen obskuren Musikgeschmack wird beim Konsum der CD eines Besseren belehrt. Denn mit Sicherheit kennt ihr viele der Stücke. Einige vom Hören, andere könnt ihr mitsingen, wette ich. Und schon ist unser Musikgeschmack gar nicht mehr so ungewöhnlich. :- )

Die erste musikalische Audienz fand in der Kölner Live Music Hall statt. Wie schon am Vortag, war dieser Austragungsort bei geschlossenem Tor ebenfalls kaum von einer Sauna zu unterscheiden. Abgesehen davon, daß alle Anwesenden bekleidet waren. Ein Handtuch hätten trotzdem viele gebraucht. Außer dem selbsternannten letzten König des Pop, der das Wetter als Kurze-Hosen-Wetter bezeichnete, aber trotzdem zwei Stunden in langer Hose und obligatorischer Radfahrerjacke auf der Bühne stand. An beiden Tagen. Scheint seine Arbeitskleidung zu sein.

Mit „Old red Eye is back“ begannen die Hitfeuerwerke. Paul und Jacqui versteckten sich leider hinter zwei hohen Monitoren, die den Blick und vor allem Fotos erschwerten. Selbst aus der ersten Reihe heraus. An der musikalischen Qualität gab es allerdings nichts auszusetzen. Paul sprach zwischen den Stück locker und lustig mit den anwesenden Fans und griff bei einem Lied sogar zur Gitarre. Es war toll, ihn und Jacqui endlich wieder live erleben zu dürfen. Die Beiden sind einfach für einander bestimmt. Die Stimmen harmonieren perfekt und haben den ganzen Abend die Popperlen aus Pauls Feder veredelt. Begleitet wurden Paul und Jacqui von einer siebenköpfigen Band, die alle Spaß auf der Bühne hatten. Besonders, als Paul bei der Bandvorstellung in Frankfurt den Schlagzeuger vergaß. Drei The Beautfiul South Lieder durften natürlich nicht fehlen. So beendete der größte Radiohit „Perfect 10“ den offiziellen Teil, während „Song for Whoever“ und „You keep it all in“ im Zugabenblock dargeboten wurden. Lauthals mitgesungen, aus den Kehlen aller Anwesenden.

Jacqui genoß die Konzerte sichtlich, auch wenn man ihr in Köln die Anstrengung aufgrund der hohen Temperaturen ansah. Paul schaute mehrmals besorgt auf seine Kollegin. Aber davon abgesehen lachte sie viel und animierte die Fans zum Mitsingen. Was eigentlich gar nicht erforderlich war, denn das Publikum sang von Anfang an jede Zeile mit. Ausgenommen beim allerletzen Lied, daß den Titel der aktuellen Werkschau trägt, denn das Stück ist bisher noch nicht veröffentlicht worden. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, die war beide Male großartig. In Frankfurt waren die Zuschauer sogar noch etwas ausgelassener, was vielleicht an der klimatisierten Halle lag. Dort sorgten nur die Musiker für erhöhte Temperaturen und nicht die Sommersonne. Wir haben es nicht bereut, uns zwei Konzerte anzusehen. Begeistert haben wir mitgesungen und -geschwitzt.

Paul Heaton ist ein echter Pop-Superstar. Nicht, weil er sich so verhält, im Gegenteil. Vor den Konzerten läuft er (in kurzer Hose!) zwischen den wartenden Fans umher und interagiert auf Augenhöhe mit ihnen. Auf der Bühne wirkt er genauso bodenständig. Bei ihm dreht sich alles um seine Lieder, nicht um seine Person. Sein Schaffen aber macht ihn zu einem echten Superstar und vielleicht wirklich zum letzten König des Pop. Denn er hat in über dreißig soviele wunderbare Lieder geschrieben, die einen begleiten und zu unsterblichen Ohrwürmern herangewachsen sind. (Ob man es weiß oder nicht.) Deswegen war es etwas Besonderes, ihn mit seiner Königin zusammen, nochmal live erleben zu dürfen. Wir hoffen, daß sie die deutschen Fans nicht wieder so lange warten lassen. Bis zum nächsten Mal, Eure Majestät!

Pics for whoever (Köln)

Prettiest Pics (Frankfurt)

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Guter Stoff

Abschiedskonzert IV aka Aller guten Dinge sind Drei

Während wir viele Karten schon lange im voraus an der Pinnwand hängen und so Zeit hatten, uns auf die Abschiede vorzubereiten, hat uns eine Ankündigung erst einen Monat vorher erreicht. The B-52’s riefen ihre European Farewall Tour mit zwei Deutschlandterminen aus. Natürlich haben wir nicht lange überlegt, sondern uns direkt Karten für die Verabschiedung dieser Ausnahmeband besorgt. Schließlich macht sich der Welt beste Partyband in Europa sehr rar. Das letzte Mal waren die Amerikaner 2013 in unseren Landen und wir damals selbstredend dabei. Neben dem angekündigten Abschied dürften die spärlich dosierten Auftritte der zweite Grund gewesen sein, warum das E-Werk ratz-fatz ausverkauft war. Und wir wieder einmal mittendrin.

Rechtzeitig hatten wir uns an dem sehr heißen Sommertag an der dritten Pyramide eingefunden. Bei fast 40° kamen wir schon vor beim Warten in Schwitzen. Während des Konzertes ließ es nicht nach. Die Band startete pünktlich und brachte den kosmischen Waggon mit „Private Idaho“ ins Rollen. Seit einigen Jahren sind The B-52’s nur noch zu dritt unterwegs. Unterstützt werden sie dabei von einer Band, die es versteht, den Groove und den Spaß der Lieder auf die Bühne zu bringen. Während Cindy hinter ihren Rock-Bongos stand, konzentrierten sich Fred und Kate auf Gesang und Ausdruckstanz. Gerade beim zweiten Lied des Abends, in dem sie die Besucher des E-Werks auf eine Reise nach „Mesopotamia“ mitnahmen, standen ihre Gliedmaßen nicht still. Beschreiben kann man den eigenwilligen Tanzstil genauso wenig wie die Musik. Beides ist allerdings gleichermaßen ansteckend und ließ die sommerlichen Temperaturen vergessen. Denn die Besucher tanzten und sangen fröhlich mit. Sehr zur Freude der Band. 

Kate Pierson trug zu ihren feuerroten Haaren ein grünes Franzenkleid. Sie ist die Älteste im Party-Bunde, was man ihr weder ansah noch anmerkte. Nach wie vor eine hübsche Frau mit einer großartigen Stimme. Das ganze Konzert über strahlte und lächelte sie die Fans an und tanzte mit ihren Kollegen um die Wette. Auch wenn Fred Schneider oftmals wie der grummelige Spielverderber schaut, merkte man ihm ebenfalls den Spaß an, während er verschiedene Instrumente und Props bediente. Bei „Legal Tender“ und „Roam“ überließ er dem Damen-Duo die Bühne.  Für die Stücke verließ Cindy ihre Bongos. In ihrem zitronengelben Overall mit der gelben Kunsthaarperücke gesellte sie sich zu Kate Pierson  in die Bühnenmitte. Gerade „Roam“ ist ein großer Hit, der besonder lautstark mitgesungen wurde. Wobei man ehrlicherweise sagen muß, daß das Kölner Publikum bei jedem Lied textsicher war.

Leider sind die Konzerte nicht sehr lang und die Setlisten immer recht ähnlich. So kündigte, nach gerade mal elf gespielten Liedern, der größte Hit „Love Shack“ das Ende der eurythmischen Musikdarbietung an. Selbstredend ließen es sich Kate, Cindy und Fred plus Band nicht nehmen und gaben den jubelnden Zuschauern die eingeforderte Zugabe. Die letzten drei Stücke stammten alle vom Debutalbum. Sie entführten die Kölner ein letztes Mal auf den groovigen „Planet Claire“ und wählten gemeinsam die nicht vorhandene Telefonnummer „6060-842“. Unser drittes Konzert dieser sehr speziellen Band brachte das sehr spezielle Lied „Rock Lobster“ zuende. Immer wieder bemerkenswert zu erleben, wie Kate Pierson alle seltsamen Geräusche und hohen Töne live darbietet. Danach hätten die Zuschauer gerne die Uhr, wenn auch keine hunderttausend Jahre, aber zumindest 90 Minuten zurückgedreht, um das Konzert nochmal zu erleben.

Den Abschied im E-Werk haben The B-52’s uns und den anderen Fans leicht gemacht. Nicht, weil sie eine schlechte Vorstellung hinlegten, ganz im Gegenteil. Die drei verbliebenden Bandmitglieder und ihre Liveband waren hervorragend aufgelegt und haben mit ihren ungewöhnlichen Kompositionen die Leute in tanzende Ekstase versetzt. Durch die fehlenden Ansprachen zwischen den Liedern wirkte es ein bißchen runtergespult. Davon ab, ist es einfach guter Soff, den sie seit über vierzig Jahren vertonen, der immer für gute Laune sorgt. Die positiven Lieder haben über die eine oder andere Abschiedsträne an dem heißen Abend hinwegtröstet. Am Ende haben sich alle Beteiligen lachend, glücklich und verschwitzt voneinander verabschiedet.

Picplex

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Ambitioniertes Röcheln

Abschiedskonzert II a+b Goodbye Burli

Heute, am 14.09.2019 ist es soweit. Die EAV wird in Wien zu Grabe getragen. Deswegen können wir unsere Eindrücke jetzt veröffentlichen, ohne irgend etwas über die Show zu verraten.Wer die letzte Tour verpaßt hat, dem sei die kommende Veröffentlichung des Abschlußkonzerts ans Herz gelegt, sie erscheint im November.

Mein ganzen Leben begleitet mich schon eine Band aus Österreich. Zwar hatte ich die EAV ein paar Jahre aus den Augen verloren, aber dank einer Freundin aus der Alpenregion habe ich zur ihr zurückgefunden. Vielleicht lag es an dieser Pause, daß ich die Erste Allgemeine Verunsicherung bisher nie live gesehen hatte. Das wollte und mußte ich unbedingt auf der Abschiedstour nachholen. Deswegen haben wir der Band in Frankfurt und Köln kondoliert, als sie ihr Schaffen nochmal haben Revue passieren lassen bevor der Tod kommt.

Den Bollerwagen hatten wir am ersten Mai daheim gelassen. Dafür sind wir mit viel Vorfreude und nicht ganz 300PS, in unserem Vehikel den Weg nach Frankfurt angetreten. Ab jetzt übernimmt meine bezaubernde Mitbloggerin den Bericht, die mit weniger emotionalen Altlasten in die Jahrhunderhalle getreten ist.

Vielen Dank für diese schöne Einleitung, Holly!
Die EAV war mir aus meiner Kinder- und Jugendzeit vor allen Dingen durch Lieder wie „Ding Dong“ oder „Küß‘ die Hand, schöne Frau“ bekannt. Es war für mich musikalisch jedoch lange kein Thema mehr, da sich diese Art von Humor in Liedern nicht weiter verfolgt habe.
Gelegentlich kam ich durch Holly, der mir kurze Soundschnipsel oder vereinzelte Songs auf Jahresmix-CD’s zukommen ließ, mit der Gruppe in Kontakt. Von mir selber aus wäre ich wohl nicht losgezogen und hätte Konzertkarten besorgt, hatte aber nichts dagegen, Holly auf seine kleinen Reise in die Kindheit zu begleiten.

Die bestuhlte Jahrhunderthalle in Frankfurt war ausverkauft und beim Blick umher von sämtlichen Altersgruppen besucht. Sänger Klaus Eberhartinger machte später eine Umfrage, bei der sich herausstellte, dass die überwiegende Besucheranzahl im Bereich 30-59 anzusiedeln war. Allerdings meldete sich ebenso ein nicht geringer Anteil an 60+ durch ambitioniertes Röcheln zu Wort.

Relativ früh wurde mit „Banküberfall“ einer der ganz großen Hits aufgefahren und ließ mich Holly erstaunt zuraunen: „Die rocken ja wie Sau!“ Eine solche musikalische Härte hätte ich der EAV gar nicht zugetraut. Außerdem wußte man fast gar nicht, wo man hinschauen sollte, denn nicht nur die Band staffierte sich bei jedem Lied neu aus, sondern auch im Hintergrund passierte immer etwas. Man fühlte sich weniger in einem Konzert, als vielmehr einem präzise durchgetakteten Bühnenstück. Immer passend zum Lied entweder bunt, verrückt und lustig oder bei den ruhigen Stücken mit Sternenhimmel, Mond oder Straßenlaterne.

Daher war es schön, die Show zweimal, auch aus verschiedenen Persektiven (erste Reihe und Balkon) anzuschauen. Allein aber für die Metal-Version von „Fata Morgana“.
Die EAV hat an diesen Abenden auf jeden Fall bei mir viele Sympathien eingeheimst und es ist schade, dass dies wohl die Abschiedstour ist.
Falls es sich die Gruppe in den kommenden Jahren anders überlegen sollte: Ich und Holly wären wieder dabei!

Knipps, Knipps, Knipps (Frankfurt)

Foto Morganas (Köln)

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Unruhestand

Kulturelle Sommerpause

Vorgestern hat ein Mann unsere zweimonatige Konzert-und Kultur-Sommerpause beendet. Dabei ist uns aufgefallen, daß wir die Zeit gar nicht genutzt haben. Irgendwie hat uns die Muse gefehlt, die fehlenden Konzerteindrücke aufzubereiten. Wir versuchen das nachzuholen und fangen mit dem Mann an, der uns schon unsere ganzen Leben begleitet:
ALICE COOPER.

Zuerst möchten wir die zwei wichtigsten Fragen beantworten:
1) Ja, Alice ist ein Mann, auch wenn der Name anderes vermuten läßt.
    (Für Leute die ihn nicht kennen. Unbedingt nachholen.)
    (Banausen!)

2) Ja, er lebt noch und gibt Konzerte. Unentwegt.
    (Für Leute, denen der Name etwas sagt.)

Die Mutigen können uns jetzt folgen, in ein unheimliches Gemäuer, bewohnt von furchteinfößenden Kreaturen und einem charismatischen Schloßherren.

Das reisende Alptraumschloß

Obwohl der Tourtross mit vierstündiger Verspätung in Mannheim eintraf, schafften es alle Beteilitgten, das mobile Gruselschloß rechtzeitig für den abendlichen Auftritt aufzubauen. Der Stehplatzbereich war gut gefüllt, die Ränge ebenfalls. Seit seinen Touren mit den Hollywood Vampires scheinen die Auftrittsorte wieder größer zu werden. Ein Blick im Publikum verrät, daß nicht nur Altrocker gekommen sind, auch viele junge Fans zieht Alice in seinen Bann. Und pünktlich um kurz nach 21.00 Uhr fiel der große Vorhang mit Alice’s Augen und gab den Blick auf ein mittelalterliches Schloß frei. Der Schloßherr wurde frenetisch begrüßt, als er zu den ersten Tönen durch das Tor trat.

Begleitet wird der inzwischen 71-jährige Rockstar von einer eingespielten Band, die die Lieder ordentlich krachen lassen. Glen Sobel (Schlagezug) und Tommy Henriksen (Gitarre) sind ebenfalls Teil der Hollywood Vampires Live Band. Chuck Garric (Bass) und Ryan Roxie (Gitarre) bringen schon seit fast zwanzig Jahren die Saiten zum Schwingen. Die jüngste im Bund ist Nita Strauß, die seit fünf Jahren die dritte Gitarre bedient. Sie machte ihrem Spitznamen „Hurricane Nita“ alle Ehre. Die ganze Show über wirbelt sie über die Bühne, während ihre Finger über ihr Instrument rasen. Wobei es sich alle Musiker unentwegt über die Bühne bewegen und posen, als gäbe es kein Morgen mehr. Mit dieser Truppe im Rücken muß sich Alice keine Gedanken machen und kann sich ganz auf seine Performance und die Showeinlagen konzentrieren. 

Die weiblichen Charaktere auf der Bühne übernimmt wieder seine Frau Sheryl. Gegenseitig dürfen sie sich öffentlich umbringen. Scheint der Grundstein für die seit über vierzig Jahren funktionierende Ehe zu sein.
Im Gegensatz zu anderen altgedienten Recken, weiß man bei Alice nie genau, was man geboten bekommt. Gut, natürlich eine sehens- und hörenswerte Rockshow, aber er liebt es die Zuschauer zu überraschen. Er mischt Klassiker mit neuen Ideen. Das betrifft sowohl die Songauswahl, wie auch die theatralischen Elemente. Natürlich dürfen Utensilien wie Krücken, Degen, Frank’n’Alice, sowie die Zwangsjacke und die Guillotine nicht fehlen, zusätzlich reichert er die Show mit  neuen Elementen an. (Die wir an dieser Stelle nicht verraten möchten).

Und genauso verhält es sich bei der Setlist. Mit dem Hit „Feed my Frankenstein“ eröffnete er ungewöhnlicherweise die Show und beendete sie mit „Teenage Frankenstein“. Dazwischen überraschte Alice mit seltener gespielten Stücken. Sehr zu meiner Freude fand sich „Roses on White Lace“, ein Lied aus den Achtzigern, in der Liste wieder. Es war großartig, daß dieses vergessene Kleinod zum Leben erweckt wurde. Egal aus welcher Phase, das Publikum kannte alle Lieder und sang lauthals mit und feierte den Schloßherren frenetisch ab. Nachdem Alice (oder Steven?) musikalisch aus dem Alptraumschloss geflüchtet war, gab es noch ein Lied, bevor sich die Musiker verabschiedeten. Traditionell hört jedes Alice Cooper Konzert mit „School’s out“ auf. Mit dieser Tradition wird auf der aktuellen Tour nicht gebrochen. Alle feierten, kurz nach Ende der Sommerferien, das Ende der Schule. Alice verabschiedete sich stilecht mit Zylinder und Jackett von den jubelnden Mannheimern.

Der Mann ist unglaublich. Egal, wie oft er auf der Bühne enthauptet, gehängt oder sonstwie umgebracht wird, Alice ist (zum Glück) nicht totzukriegen. Seit fünfzig Jahren veröffentlicht er unentwegt neue Musik und steht noch länger auf der Bühne. Dabei ist er nicht nur solo unterwegs, sondern nebenher tourt er mit den Hollywood Vampires. Im Juni erschien das zweite Album der Blutsauger, im September erschien eine neue EP von ihm, der im kommenden Jahr sein neues Album folgen soll. Die aktuelle Tour geht bis Mitte Februar des kommenden Jahres, im März ist Alice mit dem „Rock meets Classic“-Projekt“ unterwegs und für Herbst 2020 wird über eine Hollywood Vampires Tour gemunkelt. Bei dem Pensum könnte seine scherzhafte Behauptung in Interviews, er wäre bis 2028 ausgebucht, durchaus stimmen. Wenn er die Energie und den Spaß, den er auf die Bühne hat behält, muß er in ein paar Jahren seinen Hit umdichten. Dann steht er auf der Bühne und rockt „I’m eighty“ herunter. Wir freuen uns drauf. Party on!

Betreten auf eigene Gefahr

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Wild Animals make some Noise

Abschiedskonzert III aka Der Abschiedskuss

Vor achtundzwanzig Jahren kamen vier Amerikaner in mein Leben, die mich seitdem begleitet haben. In der damaligen Besetzung noch ganz ohne legendäres Make-up und schwarze Kostüme. Fünf Jahre lang habe ich mir die Platten meines Bruders untentwegt angehört und die Cover bewundert, bevor ich 1996 in den Genuß kam, die Originalbesetzung live sehen zu dürfen.

Auf dem Rückweg des Konzerts 1999 in Stuttgart hatte ich immer den Gedanken, daß dies mein letztes KISS Konzert war. Wie falsch ich lag konnte ich damals nicht ahnen. Es war lediglich das letzte Konzert in Original-Line-up. Noch mehrfach durfte ich meine Lieblingsband live sehen, unterstützt von Tommy Thayer und Eric Singer (der schon bei meinem Einstieg in den KISS-Kosmos am Schlagzeug saß). Oftmals stand ich in den ersten Reihen, deswegen schmerzte der Abschied in einem Stadion, weit weg von der Bühne, nicht so sehr.
The Hottest Band in the World spielte dieses Mal leider nur in Stadien und die angekündigten 32° taten ihr Übriges um die Entscheidung für Sitzplätze zu rechtfertigen. Bei den Temperaturen stundenlang auf den Einlass harren mußte nicht sein. Den Abschiedskuss verpassen? Das ging auf keinen Fall.

Der Vorhang mit einem riesigen Bandlogo verdeckte während des Umbaus die Sicht auf die Bühne. Durch einen Spalt konnten wir Gene Simmons sehen, der auf seiner Plattform in Startposition an die Bühnendecke gezogen wurde. Ein Dröhnen drang durch’s Stadion und schon eröffnete die tradionelle Ansage

„Alright Essen! You wanted the Best and you got the Best.
The hotttest Band in the World! KISS!“
 

den Beginn der Rockshow. Der Vorhang wurde abgesprengt und fiel zu Boden, während die vier Musikern auf Plattformen auf die Bühne schwebten. Dabei eröffneten sie den musikalischen Reigen mit „Detroit Rock City“, jubelnd begrüßt von den Zuschauern. Kaum waren die Plattformen am Boden, stolzierten und posten die kostümierten Musiker über die Bühne. Es folgten Lieder aus fast allen Dekaden der Band. Paul Stanley mußte an dem Abend nicht oft auf seine Aufforderung „Wild Animals make some Noise“ zurückgreifen. Die Chöre im Publikum bewiesen, daß sie der Band immer treu geblieben waren, denn egal aus welcher Phase die Lieder stammten, die Fans waren sehr textsicher. Sie feierten „Say Yeah“ vom 2009’er Album „Sonic Boom“ genauso ab, wie „Psycho Circus“ aus dem Jahre 1998, „Heaven’s on Fire“ aus den Achtzigern oder den Klassikern aus den Anfangstagen. Eigentlich sind alle Songs, die KISS für die Abschiedstour ausgesucht haben inzwischen zu Klassikern geworden.

Die Band war sehr gut drauf. Tommy Thayer ist mit seinen 58 der jüngste im Viererbunde, aber das Alter sieht man keinem an. Zum Teil liegt das sicherlich am Make-up, zum anderen Teil aber an der unheimlichen Energie, die die beiden Bandgründer Gene Simmons und Paul Stanley nach wie vor auf die Bühne bringen. Sie stehen in ihren Plateaustiefeln nicht still. Ständig in Bewegung, feixen dabei untereinander und suchen Blickkontakt mit dem Publikum, während die Bühne rund um sie herum immer wieder in Flammen steht. Feuersäulen und Explosionen gehören genauso zu einer echten KISS-Show, wie die beiden Einlagen von Simmons. Natürlich spuckt der Demon erst Feuer und dann Blut. Lediglich der „Flug“ an die Bühnendecke zum obligatorischen „God of Thunder“ war auf der Plattform nicht ganz so cool. Wahrscheinlich reichen seine Fledermausflügelchen nicht mehr aus, um abzuheben. :-)
Seit einigen Jahren übernimmt der Mann am Bass öfter den Gesang und entlastet dadurch Paul Stanley, dessen Stimme im Alter etwas nachgelassen hat. Trotzdem läßt es sich das Starchild nicht nehmen, mit seiner eigenen Seilbahn auf eine kleine Bühne in der Mitte des Stadiums zu fahren und von dort mit „Love Gun“ und „I was made for lovin‘ you“ zwei der größten Hits der Band zum Besten zu geben. Danach ging es für den gewohnten Rausschmeißer „Black Diamond“, bei dem Eric Singer den Gesang übernahm, zurück auf die Hauptbühne für das großen Finale.

Natürlich forderten die Menschen im Stadion ein Zugabe. So schnell läßt man vier Ikonen des Rock nicht abziehen. Ihr Versprechen, von Party die ganze Nacht durch, hielten sie nicht ein, aber selbstredend kamen sie zurück. Den Anfang machte Eric Singer, der nicht hinter seinem Schlagzeug, sondern hinter einem Klavier Platz nahm. Er griff in die Tasten und sang mit „Beth“ eine der wenigen Balladen der Band. Die Zuschauer wußten auch den einzigen ruhigen Punkt zu würdigen. Nach und nach versammelten sich seine drei Mitstreiter ums Klavier. Nachdem dieses, dank der Hilfe einiger Roadies, wieder von der Bühne verschwunden war, wurde es nochmal rockig. Mit „Crazy, Crazy Nights“ und „Rock and Roll all Nite“ zelebrierten KISS, mit den jubelnden Fans in Essen die gemeinsame musikalische Reise der letzten Jahrzehnte. Begleitet von Konfettiregen und Pyros, wie es sich für eine richtige KISS-Show gehört, versteht sich. Damit verabschiedete sich eine der schillernsten Bands der Rockgeschichte.

Wenn man den vier maskierten Musikern zusieht, kann man gar nicht glauben, daß das wirklich das Ende der Straße für KISS sein soll. Alle hatten soviel Energie und sichtlichen Spaß am Konzert. Aber vielleicht ist genau das der Grund aufzuhören, solange sie noch solche Shows spielen können. Es war nicht zu erwarten, daß KISS mit der neuen Show das Rad neu erfinden. Die Bühnendeko und Kostüme sind neu, alles andere wie Setlist, Soloeinlagen etc. blieben von Veränderungen weitestgehend verschont. Kann man bemängeln, man kann sich auch drüber freuen, genau das bekommen zu haben, was man von der Band kennt und erwartet. Der Stimmung im Stadion tat es zumindest keinen Abbruch. Alle Musiker wurden über die gesamte Spielzeit von kanpp über zwei Stunden konstant und verdient abgefeiert. Im Gegenzug boten sie dem Publikum eine typische KISS-Show.
In der fast fünfzigjährigen Bandgeschichte haben sich die Amerikaner weltweit eine beeindruckende Schar an Fans erspielt. Sich von allen zu verabschieden, soll zwei bis drei Jahre dauern, bevor die Schminktöpfe endgültig verschlossen bleiben. Daher gehe ich davon aus, und hoffe es auch ein wenig, daß es die vier Amerikaner nochmal in deutsche Hallen verschlägt. Sollte der Fall nicht eintreffen, war Essen für uns ein gelungener Schlußpunkt. Thank you for the Music!
And the Shows!

Essen Pic City

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