Amüsanter Serviervorschlag

Fear and Loathing in Hamburg

Da hat man einen Blog, um seinen Mitmenschen zu erzählen, was man erlebt und wer einen begeistert hat und dann sieht man das Buch vor lauter Worten nicht. In zunehmenden Alter haben sich immer mehr Biographien in unser Bücherregal verirrt. Gerne lasse ich mich auf das Leben bekannter Menschen ein und verfolge ihre Erinnerungen. Die Autobiographie von Günter Märtens hat es mir besonders angetan. Günter, wer? werden sich einige fragen, während der geneigte Plueschblogleser wissend nickt. Denn über den gebürtigen Hamburger und seine drei Freunde haben wir an dieser Stelle schon mehrfach berichtet. Zur Erinnerung, das ist Günter:

Man kennt ihn gemeinhin als meist seriösen und allzeit sympathischen Kontrabassisten der ältesten Boygroup der Welt. Seit nunmehr zwanzig Jahren sind die Rhythmus Boys ein integraler Bestandteil meiner CD-Sammlung und in den letzten Jahren durften wir die vier charmanten Herren mehrfach live erleben. Immer wieder grandios. Ich mußte nicht lange überlegen, ob ich mir Günters Autobiographie zulege. Er hat ihr den Titel „Graupensuppe“ gegeben. Was mich in den Seiten erwartet hat, habe ich nicht erwartet. Wie erwähnt, habe ich Günter Märtens immer als seriösen Herren im feinen Zwirn kennengelernt, aber es war ein langer Weg dahin.

In jungen Jahren war Herr Märtens drogenabhängig. In lockerem Ton erzählt er von Erlebnissen aus der Zeit seines Lebens, das sich zwischen Beschaffung und Rausch bewegte.Wie er versuchte, im Arbeitsleben Fuß zu fassen und sich seinem Hobby, der Musik, zu widmen. Bei James Last konnte er beides vereinen. Erfolg hatte er allerdings keinen, denn die Sucht war stärker als die Vernunft.
Das alles schildert Günter Märtens in amüsanten Worten, ohne die Situationen zu beschönigen und macht es schwer, das Buch wegzulegen. Gerade die unterhaltsamen Schilderungen machen das Erlebte noch erschreckender, denn er schien sich bewußt zu sein, was richtig war und was nicht. Die Sucht ließ ihm aber keine Wahl.

Dabei kommt er in aberwitzige Situationen mit Dealern, der Polizei und findet sich als Drogenschmuggler wieder. Es treten immer wieder Freunde und Bekannte aus der Szene auf, in der er sich bewegte. An deren Beschreibungen kann man ebenfalls die Auswirkungen des Lebenstils ablesen.

Nicht zuletzt erinnerte mich seine Schilderung einer Zugfahrt auf LSD an „Fear and Loathing in Las Vegas“ von Terry Gilliam. Ich sah den Bahnsteig förmlich vor mir schwanken. Die Schilderung mündet in dem witzigsten Zusammentreffen im Buch, aber ich möchte an dieser Stelle nicht spoilern.
Oftmals saß ich kopfschüttelnd und schmunzelnd über dem Buch. Selten hat mich eine Biographie so begeistert wie diese hanseatische „Graupensuppe“. Günter findet immer die richtigen Worte und hat eine sehr unterhaltsame Lektüre geschaffen. Nie kommen die irrwitzigen Abenteuer moraltriefend oder bedauernd daher. Er scheint mit diesem Teil seines Lebens im Reinen, wenn ich seinen lockeren Umgang damit richtig deute.

Wie Alice Cooper in einem Interview sagte, sie seien sie die Generation, die bewiesen hätten, daß Drogen nichts bringen, schließlich wären viele auf der Strecke geblieben. Es bleiben auch in Günters Leben einige auf der Strecke. Nicht alle bekommen nach der Graupensuppe noch einen Nachtisch. Zum Glück hat der sympathische Hamburger den Absprung geschafft und ist seiner Leidenschaft, der Musik, treu gelieben.

Günters Erzählungen enden mit dem Besuch einer Entzugsklinik. Zu gerne hätte ich weitergelesen, wie es ihm dort ergangen ist. Viele Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Wie haben die Menschen um ihn herum nach seinem Aufenthalt auf ihn reagiert? Wie hat er es geschafft, clean zu bleiben? Und natürlich, wie aus dem süchtigen Punkliebhaber ein zuverlässiger Rhythmus Boy wurde. Ich hoffe, er kredenzt seinen Lesern einen zweiten Teller. Bis dahin bleibt mir nur übrig, Euch die Graupensuppe ans Herz zu legen und zu wünschen, was mir der Autor gewünscht hat: „Guten Appetit.“

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