Bibbernde Beats und fröstelnde Melodien

MAN SPRICHT DEUTSCH

Was machen die meisten Menschen wenn das Thermometer Minustemperaturen anzeigt? Sie suchen sich ein warmes Plätzchen und machen es sich gemütlich. Was machen zwei Plueschblogger, wenn die Gradzahl unter Null fällt? Sie stellen sich zwei Stunden vor Einlass vor die Toren einer bundesdeutschen Spielstätte. Ausgerüstet mit Decken und heißen Getränke warteten aber bereits andere Fans, teils seit Stunden, auf dem Vorplatz. Passend dazu wurde zu späterer Stunde „Mad as we are“ gespielt. :- )

Die Security hatte ein Einsehen und öffnete pünktlich um 19.00 Uhr die Pforten. Drinnen herrschten angenehme Temperaturen. Bei der Vorband Bright Light Bright Light konnten sich die Zuschauer den Frost aus den Gliedern schütteln. Die modernen Popsongs wurden sehr wohlwollend aufgenommen. Was bestimmt auch am sympathischen Frontmann im Regenbogen-Anzug lag, der seinen kompletten deutschen Wortschatz verwendete, bevor er wieder auf seine Muttersprache zurückgriff. (Immer wieder erstaunlich, wieviele Engländer der deutschen Sprache mächtig sind.) Die Lieder erinnerten mich an Popsongs aus den Achtzigern mit mehr Bass und passten hervorragend zum Hauptact. Ein gelungener Einstieg in den Konzertabend.

Nach dem Gastspiel der letzten Tour im benachbarten Palladium, waren Erasure mit der aktuellen Konzertreise zurück im E-Werk. Mit Sicherheit hätten sie ebenso problemlos den größeren Veranstaltungsort ausverkauft. Die Beliebtheit der beiden Briten ist nach wie vor groß und vielleicht konnten sie auf der letztjährigen Tour mit Robbie Williams alte Erinnerungen wecken und neue Fans gewinnen. Auf jeden Fall waren die Deutschlandkonzerte fast alle ausverkauft.

Beim Auftritt der Vorband konnte man schon einen Blick auf die Bühne werfen. Dieses Mal bestand sie aus zwei, von Leuchtröhren umrandeten, „Rahmen“ an den Seiten und einer Plattform in der Bühnenmitte. Hierauf hatte sich Vince Clarke seinen Arbeitsplaz eingerichtet. Die Pfeiler der Plattform und die Plattform selber waren ebenfalls mit Leuchtröhren ausgestattet. Natürlich wurden die Lichter erst zum Leben erweckt, als Andy auf einem Stuhl in der Mitte Platz nahm und den Tanzreigen mit „Oh, L’Amour“ startete. Die ausverkaufte Halle sang sofort mit und feierte den Hit vom ersten Album ab. Das zeigte, daß es eine gute Entscheidung war, mit diesem Song zu beginnen. Die ersten Konzerte starteten sie noch mit dem ruhigen „Mad as we are“, das erst an vierter Stelle gespielt wurde. Wie schon auf der letzten Tour, wurde die Setlist für die Deutschlandkonzerte etwas verändert, denn auch die erste Single des neuen Albums wurde im Laufe des Konzertes vorgetragen. Aber ich greife vor.

Wie üblich, hielt sich Vince im Hintergrund, bzw. in diesem Fall beobachtete er das Geschehen von oben, wo er schaltete und waltete. Andy schaute vor jedem Lied nach oben und gab seinem Bandkollegen das Startzeichen. Einmal war er so in das Intro vertieft, daß er seinen Einsatz verpaßte. Was, wie mir später berichtet wurde, ein Lachen auf das sonst ausdruckslose Gesicht von Vince Clarke zauberte. Ihn sah man aus den ersten Reihen kaum. Erst bei den Zugaben kam er herunter auf die Bühne. Bei Erasure steht ganz klar Andy Bell im Mittelpunkt, in seinen schrillen bis mutigen Outfits, seiner tollen Stimme und seinem individuellen Tanzstil während der Insturmentalteile. ;- ) Zwischen den Liedern nutzte der sympathische Sänger seine Deutschkenntnisse, um dem Publikum lustige Geschichten zu erzählen.

Zur Erasure Live-Familie gehören fast seit Bandgründung, die beiden Sängerinnen Valerie und Emma. Sie veredeln die Stücke mit ihren Stimmen und unterstützen Andy. Dabei strahlen alle aus, wie viel Spaß ihnen die Arbeit macht. Dieser positive Vibe überträgt sich auf die Zuschauer. Eingerahmt wurden die Drei dabei von den Lichtröhren, die der Bühne eine wechselnde Atmosphäre verliehen. Nicht fehlen durften dabei selbstverständlich die Kostüme des Sängers. Erasure haben ihre Shows schon immer durch optische Komponenten ergänzt. Nachdem die letzte Tour etwas schlichter ausgefallen war, hat mir dieses ungewöhnliche Bühnenbild, das die einzelnen Lieder farblich untermalt hat, gut gefallen. Das hautfarbene Ganzkörperkostüm mit den aufgemalten Tattoos, war natürlich…
Wie man in Polen sagt: „Wer der tragen kann, kann der tragen.“ :- )

Die Stimmung im ausverkauften E-Werk war bei den großen Hits, wie „Always“, „Sometimes“ und natürlich der Zugabe „A little Respect“ großartig. Die Lieder wurden verdient abgefeiert. Mit „Just a little Love“ und der ersten Single „Love you to the Sky“ haben sie die zwei heitersten Stücke des neuen Albums ausgesucht. Allerdings ist „World be gone“ kein Dance-Album, es enthält viele ruhige Lieder. Auch in der Setlist fanden sich weniger tanzbare und seltener gespielte Songs wieder. Die Die-Hard-Fans freuten sich über das ungewöhnliche Musikfutter, der Otto-Normal-Konzertbesucher vermisste den einen oder anderen Hit der Engländer. Trotzdem ist der Band eine gute Mischung aus ihrer umfangreichen Discographie gelungen. Beim letzten Lied leistete Vince Clarke seinem langjährigen Bandkollegen auf der Bühne Gesellschaft und spielte Gitarre. Zusammen verabschiedeten sich die vier Musiker vom jubelnden Publikum und beendeten ein weiteres gelunges Konzert.

Am Ende sind alle Zuschauer aufgewärmt und vor allem glücklich zurück in die kalte Nacht entschwunden. Es war eine bittere Trennung, aber nur Miesepeter haben nach einem Auftritt von Erasure keine gute Laune. Sie verbreiten einfach Spaß und eine positive Atmosphäre, die einen mit Leichtigkeit den Alltag für zwei Stunden vergessen läßt. Und das machen sie bereits seit mehr als dreißig Jahren immer wieder aufs Neue. Dafür liebe ich sie so, auch wenn sie vielleicht etwas aus dem üblichen Plüschrahmen rausfallen (falls es den gibt). Wem die Bilder hier zu bunt waren kann ich versprechen, der nächste Konzertbericht wird wieder seriöser. :- )

I knips, I knips, I knips

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