Jux und Dallerei in der Schraubenzieherei

Schifft ein weißes Pferd nach Wipperfürth

Jeder kennt bestimmt Personen, die einen in einer entscheidenden Lebensphase, bewußt oder unbewußt, geprägt haben. Eine Person, die mir in jungen Jahren Samstagabends über den Weg gelaufen ist und meinen Humor nachhaltig geformt hat, ist Karl Dall. Zu jung, um den Erfolg von Insterburg & Co. zu erleben, ergötzte ich mich Woche für Woche an seinen unverschämten interviews in „Dall-As“ und später „Jux und Dallerei“. Irgendwie habe ich es in den ganzen Jahren nie geschafft diesen grauen Schatten loszuwerden. Noch heute bekomme ich zu hören, man würde seinen Einfluß merken. Früher mußte ich mir von meiner Mutter anhören, er sei zu frech, heute übernehmen ältere Freunde diesen Part. Ich zucke immer noch mit den Schultern und amüsiere mich nach wie vor königlich über die humorvolle und lausbübische Art dieses Mannes. Und so war ich unglaublich glücklich, als ich ihn im hohen Alter, seinem, nicht meinem ;- ) , endlich live erleben durfte. Am vergangenen Sonntag war es so weit, Karl Dall gab sich die Ehre in Wipperfürth.

Leicht aufgeregt, was uns erwarten würde, nahmen wir zwei vordere Plätze ein. In unserer Reihe blieben wir den ganzen Abend alleine, denn die alte Drahtzieherei war bei weitem nicht ausverkauft. Wobei wesentlich mehr Publikum, als bei unserem letzten Besuch dort anwesend war. Aber egal, schließlich hatten wir die Überlandfahrt nicht für das bergische Publikum in Kauf genommen, sondern für the one and only: Karl Dall. Pünktlich um 20.00 Uhr ging das Saallicht aus und auf einer Leinwand wurde ein kleiner Zusammenschnitt seines Schaffens eingespielt. Dann betrat der ältesteste Popper der Hansestadt unter Applaus die Bühne und legte direkt mit einem Lied los. Immer wieder zog es ihn an dem Abend zurück ans Mikro und er gab verschiedene Hits aus seinem Repertoire zum Besten. Dazwischen zeigte er Ausschnitte aus Filmen, in denen er mitgespielt hatte, Fotos aus seiner Karriere, kommentierte beides oder er bezog die Zuschauer mit ein. Direkt am Anfang suchte er den Kontakt mit seinem Publikum und hielt nach einem Anwesenden Ausschau, der noch älter war als er selbst. Bruno hieß er und war mit seiner Frau angereist. Karl Dall nahm direkt neben ihm Platz und plauderte kurz. Den Pressefotograf wies er allerdings an, das Foto mit ihm und dem sieben Jahre älteren Besucher schnell zu veröffentlichen. Gerade die Interaktion und die spontanen Sprüche haben mich immer am meisten fasziniert und amüsiert. Bruno durfte sich aus einer Liste von zehn Hans-Albers Liedern eines aussuchen. Karl Dall ging dann zurück auf die Bühne und trug „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ vor.

Später ging er erneut die Treppe zum anwesenden Pöbel hinunter, um sich jemanden zu suchen, der Klavier spielen konnte um ihn beim nächsten Lied zu begleiten. Es war nicht zu erkennen, ob wirklich niemand in der Lage war, die Tasten zu bedienen oder sich einfach niemand traute. Als sich dann endlich André, ein tapferer Hückeswagener, meldete, wurde er hinters Keyboard gestellt. Nach einer kurzen Einweisung und einem langen Vorspiel erhob sich die weiße Möwe in die Lüfte der Halle. Es wurde „La Paloma“ in einer eigenwilligen, aber sehr, sehr lustigen Version dargeboten. Die Grimassen von Karl Dall, der sich stellenweise zusammenreissen mußte, waren sehr amüsant und die Nummer zählte für mich zum Höhepunkt des Programms.

Im zweiten Teil kamen die Karten zum Tragen, die auf den Plätzen verteilt waren. Man konnte Fragen an Karl stellen und Telefonnummern von Freunden oder anderen Menschen eintragen, die man ärgern denen man eine Freude machen wollte. Er fischte etliche Karten aus einem Kühler, beantwortete die Fragen und überraschte einige Bekannte des Publikums mit unerwarteten Telefonaten. Ein angerufener Mann wußte nicht, wer Karl Dall war und übergab den Hörer an seine Frau. Die kannte ihn natürlich, denn Millionen Frauen lieben ihn, den Emdener, dessen Witze und Gedichte teilweise so flach sind, wie das Land, aus dem er kommt. Aber das sympathische ist, er weiß es selber und muß selber darüber lachen. Wenn er mit einem Buch in der Hand auf der Bühne stand und daraus kurze Gedichte vortrug, sieht man, daß das vor Johann König schon jemand gemacht hat.

Karl Dall Abend beglückte die Anwesenden an diesem Abend mit einem Best of Programm, einer Nabelschau seines Schaffens, schließlich verbrachte er einen Großteil seines Lebens auf den Bühnen der Nation, um den Menschen ein Lächeln zu schenken. Zum Besten und bekanntesten Teilen seines Schaffens gehören auf jeden Fall einige seiner Lieder, die natürlich nicht fehlen durften. „Millionen Frauen lieben mich“, „Heute schütte ich mich zu“ und „Diese Scheibe ist ein Hit“ gab es hintereinander zum Abschluß des Programms. Danach verließ er die Bühne und überließ die Zuschauer einem letzten Clip auf der Leinwand. Eine Szene eines alten Schwarz-weiß Filmes beendete die Zugabe, die gemeinsam mit dem zweiten Teil begonnen hatte.

Punkt 22.00 Uhr war abrupt Ende. Es war ein kurzer, aber auch kurzweiliger Abend, der deutlich machte, der alte Mann will wirklich noch mehr. Was allerdings das Publikum wollte, konnten wir nicht ausmachen. Vielleicht lag es an den lichten Reihen, aber Stimmung kam erst bei den letzten drei Liedern auf. Das Verhalten war sehr verhalten. Aber Karl Dall hat bewiesen, daß er immer noch den Schalk im Nacken hat, frech und spontan sein kann und solange nur sein Augenlid hängt und nicht er bei den Texten wird er wohl weitermachen. Zum Glück. Denn es mag heute viele Comedians geben, aber Karl Dall ist ein Original und der einzig wahre Vater der Klamotte.

Zum Glück ist nicht jedes Treffen seines Idols so negativ, wie in seiner Autobiographie beschrieben. Das Treffen mit meinem Idol war äußerst positiv. Wir durften noch kurz ein paar Worte mit ihm wechseln und wurden mit Handschlag verabschiedet. Hoffentlich können wir das wiederholen. Wobei, 75!? Dann müssen wir uns jetzt beeilen…. :- )

Auge zu und durch

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6 Antworten zu Jux und Dallerei in der Schraubenzieherei

  1. Mathias Pack sagt:

    Sehr schön geschrieben „Holly“! :- )
    Wir waren auch vor Ort u. echt überrascht das (leider) nur so wenige Menschen vor Ort waren um den Altmeister zu sehen.
    Er selber kam mir allerdings an dem Abend auch ein klein wenig Lustlos und nicht ganz so dreist, frech uns spontan, wie sonst und wie ich ihn gerne mag, vor.
    Vielleicht lag es ja auch an den relativ wenigen Zuschauern u. der damit verbundenen nicht ganz so guten Stimmung im Saale …!?
    Hat er hinterher noch Autogramme gegeben?
    Dache er wäre weg, da kein Verkaufsstand o.ä. vor Ort war, wo sowas sonst schon mal im Anschluss statt findet.

    • Holly sagt:

      Hallo Mathias,

      schön, daß Du den Weg in den Plueschblog gefunden hast.
      Vielen Dank, der Bericht ist halt etwas persönlicher ausgefallen als üblich.

      Hätte auch gedacht, daß der Altmeister mehr Publikum zieht, allerdings ist er in den letzten Jahren nicht so präsent in den Medien. Junge Menschen werden ihn wohl gar nicht kennen. Du hattest den Eindruck mit der Stimmung auch!? Dann haben wir uns das zumindest nicht eingebildet. Zweites Mal Drahtzieherei, zweites Mal schlecht besucht, dabei gefällt uns die Location sehr gut.

      Wir haben Karl Dall vorher noch nie gesehen, daher können wir nicht sagen, ob es normal, oder er lustlos war. Die Telefonate fand ich nicht ganz so gelungen, da hatte ich den Eindruck, er wüßte nicht weiter.

      „Offiziell“ Autogramme gegeben hat er nicht. Wir haben halt, in der vollkommen leeren Halle, beim Abbau zugesehen, gewartet bis er aus der Gaderobe kam und dann freundlich gefragt. Zumindest hat er einen Stift dabei, von daher scheint er durchaus Autogramme zu geben….

      Im Oktober kommt er nach Hagen, aber wir wissen nicht, ob wir nochmal hin fahren, weil der Monat schon so viele Termine parat hält.

      Lieben Gruß und vielleicht trifft man sich ja mal
      Holly :- )

  2. Steffen sagt:

    Ja, was Jörg schreibt kann ich nur bestätigen, manchmal kommt einfach der Flachwitz durch *g* Ist aber absolut nicht negativ gemeint! Karl Dall war schon prägend, vor allem zu Zeiten wo die Palette im Fernsehprogramm noch nicht so breit wie heute war… Ich muß bei Karl Dall immer an den großen deutschen Film denken: Sunshine Reggae auf Ibiza… Solche Filme werden heutzutage nicht mehr gedreht. Wozu auch, sind ja schon alle Witze drin verwendet worden :- )
    Alles in allem wieder mal ein sehr schöner Bericht!!!

    • Holly sagt:

      „Slowly! Slowly!“
      „Aber ich kann doch gar nicht langsamer!?“

      Ich sag’s ja immer, Karl Dall, Alf und Herricht & Preil haben mich geprägt. Kriege ich zumindest immer wieder gesagt…. ;- )
      Aber auch für dein Lob vielen Dank. Freut mich sehr, daß Euch der Bericht gefallen hat.
      Und die Flachwitze mache ich doch nur, damit Ihr die guten Witze zu schätzen wisst. :- )

  3. Jörg sagt:

    Sehr schöner persönlicher Bericht! Und die „Dallerei“ blitzt bei Dir manchmal tatsächlich durch :- )

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