Silhouetten im Nebel

Vier gewinnt

Die Karte für das Selig Konzert lugte uns schon lange von der Pinnwand herunter an. Da wir die Band seit der Reunion mehrmals live gesehen und gehört haben, hielt sich zwar nicht die Vorfreude, aber doch die Spannung im Rahmen. Schließlich hatten uns die Fünf nie enttäuscht und standen immer für einen gelungenen, rockigen Konzertabend.

Und dann, eine gute Woche vorher wurde bekannt gegeben, daß der Keyboarder die Band verlassen hat. Man hätte unterschiedliche Vorstellungen von der musikalischen Ausrichtung.
Selig zu viert? Wie klingen Selig ohne Keyboard?
Schließlich gehören Orgelsounds einfach zum seligen Klangteppich. Irgendwas ist bei denen immer nach dem dritten Album.
Zwei Tage vor dem Konzert erschien die Best of CD zum 20-jährigen Bandbestehen [frecherweise wurden einfach die zehn seligfreien Jahre dazu gerechnet. ;-)].  Auf der CD hat die Band zwölf Lieder neu arrangiert. Ohne Christian’s E-Gitarre, dafür mit (zu)vielen Streichern, sehr ruhig um nicht zu sagen langweilig. Sollte Malte recht behalten? War das der logische Schritt nach dem zahmen „Magma“-Album? Die Spannung stieg wieder.

Kurz nach 20.00 Uhr begann das Intro, die Musiker betraten nach und nach die Bühne
und legten mit „5000 Meilen“ einen furiosen Einstand in den Abend hin. Mit den nächsten beiden Liedern hielten sie das Tempo und gaben wie gewohnt Gas. Das Cello auf der Bühne ließ aber schon erahnen, daß die neu eingespielten Lieder auch zu Gehör gebracht werden sollten. Und so machte „Wenn ich an dich denke“ den Anfang des „Die Besten“-Blogs. Die Streicher wurden bei einigen Liedern vom Band eingespielt. [Wenn das legitim ist, möchte der Autor dieses Textes endlich mal „Halber Freund“ und „Hinter dem Spiegel“ live erleben. ;- )].

Die Band war an dem Abend in schwarz gekleidet, passend zur nüchternen, schwarzen Bühne. Lediglich ein paar Scheinwerfer standen im Hintergrund. Durch den Nebel und die spärliche Beleuchtung sah man stellenweise nur Silhouetten. Und die Lichtverhältnisse sorgten dafür, daß die bloginterne Knippserin nicht soviele Fotos in die Galerie stellen kann. Gerade durch diese minimalistische Bühnen- und Lichtgestaltung ergab sich eine besondere Atmosphäre. Durch die Neueinspielungen der Lieder und die kleinere Besetzung wechselten alle Musiker mehrmals die Instrumente. So schnallte sich Jan bei einem Lied Christians Gitarre um oder spielte eine akustische. Christian und Stoppel übernahmen an einer Stelle den Bass, Leo spielte das besagte Cello und hinter dem Klavier nahm fast jeder mal Platz um in die Tasten zu hauen.
Uns unmusikalische Blogger überrascht immer es wieder, wie leicht Musiker die Instrumente wechseln können. Wenn wir am Keyboard spielen, entstehen nur Texte, keine Töne. :- )

Selig wechselten den ganzen Abend immer zwischen den ruhigeren Tönen und den Originalversionen ihrer Lieder. Die neuen Versionen stießen nicht überall auf Gegenliebe, so drehte der Mann neben uns der Band den Rücken zu, um zu zeigen, was er von den Interpretationen hält.  Mit „Regenbogenleicht“ hat die Band den umgekehrten Weg eingeschlagen und einem akustischen Lied ein Rockgewand geschneidert. War halt auch nicht die Originalversion, daher ebenfalls durch die Rückenjury gefallen.

Wir dagegen fanden es spannend, die Lieder neu arrangiert zu hören, denn dadurch war alles bekannt und doch anders. Natürlich war ich dankbar, daß „Schau Schau“ später gewohnt rockig dargeboten wurde, da hätte ich mich vieleicht auch abgewandt. ;-)  Gerade das heftigere „Regenbogenleicht“ und die Live -Version von „Popstar“ waren für mich die gelungensten Überraschungen des Abends und schreien förmlich nach einer Veröffentlichung. Mit „Gott“ hat es nicht nur eine ehemalige B-Seite auf das Jubiläums-Album, sondern auch auf die Bühne geschafft. Leo, der bei dem Lied hinter dem Klavier saß, schaute mich freundlich an, als ich mitsang. Die Single ist halt schon sehr alt und das neue Album noch zu neu, so daß es nicht jeder Konzertbesucher kennt. Aber wer sich Selig-Fan schimpft, wird verdient angelächelt beim Mitsingen. :-  )

Unserer Einstellung, das Konzert mit der besten Band des Abends zu genießen, schlossen sich die Zuschauer in der Halle an und feierten Selig gewohnt und verdient ab.
Durch nicht enden wollenden Applaus und Sprechchöre wurden die Vier zweimal zu Zugaben genötigt. Die Band schien genauso viel Spaß zu haben, wie die Menschen vor der Bühne und das ist doch das Wichtigste auf einem Konzert. Selbst nach dem obligatorischen Rausschmeisser „Wir werden uns wiedersehen“ verließen die Hamburger Jungs wieder die Bühne, nur um zum dritten Male vom nicht verstummen wollenden Publikum zurückgeholt zu werden. Die Band bedankte sich mit einem letzten Lied und beendete den Abend, wie das erste Album vor zwanzig Jahren, mit dem ruhigen und ungewöhnlichen „Fadensonnen“.

Für uns und die meisten Besucher der Live Music Hall ging mit diesem Lied ein grandioser Konzertabend zuende. Selig haben auch zu viert den Beweis angetreten, zu den besten Rockbands des Landes zu gehören. An die neu eingespielten Lieder gewöhnt man sich, wenn man es schafft, die Originale auszublenden und den ersten Schock zu überwinden. Zwar fehlen etwas die Ecken, Kanten und E-Gitarren, aber dadurch gewinnen sie eine ganz andere Atmosphäre, was durchaus interessant ist. Und live klangen selbst die neuen Versionen nicht so ruhig wie auf CD. Die Frage bleibt, wie es weitergeht. Wenn die Reise nach dem glatten „Magma“ und dem  ruhigen „Die Besten“ weiter in diese Richtung geht, kann ich Malte verstehen. Sollten sich Selig an ihre Rockwurzeln erinnern und daran, daß sie mit „Und endlich unendlich“ die Gitarrenriffs zurück in die Musik bringen wollten, bleibt die Frage, ob er nicht den Kompromiss für eine Tour hätte mittragen können. Denn live wurde gerockt wie eh und je. Die Zeit wird’s zeigen.

Die Bilder

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4 Responses to Silhouetten im Nebel

  1. Eva sagt:

    Oh, LMH? Und Euch ist nicht der Himmel auf den Kopf gefallen? ;- )
    Ein spannender Bericht, der Lust auf ein Selig-Konzert macht. Mir gefiel die tvNoir Aufzeichnung als Trio (mit Hagen Kuhr am Cello) recht gut. Jetzt bin ich aber auch durch „langjährige rockige Vorerlebnisse“ nicht belastet.
    Beste Grüße an Euch
    Eva
    PS: Hoffe, es geht Euch gut!

    • Holly sagt:

      Hallo Eva!

      Uns geht es gut und wir sind bisher immer gut und heil aus der Halle gekommen. Bestimmt nur böse Propaganda von der Konkurrenz. :- )

      Vielen Dank. Ich war mir nicht sicher, ob es klappt, wenn ich Plattenkritik und Konzertbericht vermische, oder ob es zu chaotisch wirkt. Aber wenn er dir Lust auf ein Selig-Konzert gemacht hat, hat es wohl geklappt.

      Der TV Noir Auftritt hat mir gefallen. Ist aber ein Unterschied, ob ein Lied so klingt, oder zwölf. :- )

      Manchmal ist es von Vorteil, nicht das ganze Schaffen einer Band zu kennen. Dann kann man unbefangener herangehen und keine Vergleiche ziehen. Wobei wir nicht zu dem typischen Satz „früher waren sie besser“ neigen. Anders kann auch gut sein. Nur manchmal halt gewöhnungsbedürftig. :-)
      Wenn Du eine CD der Popolskis bestellst, dich auf Mirek’s Gitarre und das Gebläse der Dobrze Horns freust und dann Musik von Basso-van Stiphaut aus den Boxen dröhnt, wärst Du am Anfang bestimmt verwundert und würdest nochmal schauen, welcher Bandname auf dem Cover steht. :-D

      Schönes Wochenende
      Holly

      • Eva sagt:

        Propaganda? Könnte sein. Sicher bin ich mir nur, dass die LMH proportional zur steigenden Luftfeuchtigkeit eine tolle Bodenhaftung bot – man durfte nicht zu lang auf einer Stelle stehen, sonst klebte man fest. Das haben wir 2mal höchstpersönlich getestet. ;- ) Immerhin, der Sound war ganz gut dort.

        Deine Tonträger-Konzert-Mischung ist bei mir gut angekommen. Mir geht es eh meist so, dass ich mich mit den konservierten Werken schwer anfreunden kann, weil die good Vibrations eines Live-Erlebnisses fehlen. Wenn altbekannte Künstler dann auch noch experimentieren und mir eine ganze Scheibe lang kein auch nur halbwegs vertrautes Klanggebilde gönnen, fällt das noch schwerer. Auf der anderen Seite bin ich neugierig genug, auch diesen Werken eine Chance zu geben. So ist mir schon manch ungeliebte Platte nach mehrmaligem genauen Hinhören dann doch sehr ans Herz gewachsen.

        Ich glaube, wenn Musiker/Künstler ihr Leben lang nur in einer (Klang-)farbe malen, wird es auch irgendwann fad. Also ist’s besser, sie probieren sich aus und suchen neue Wege und Inspiration, um dann später vielleicht wieder mit frischem Elan zu ihren Wurzeln zurückfinden zu können.

        Und wo Du schon mal unser lieben Polen ansprichst: Deren erste CD „Dobrze“ war eher jazz- als polkalastig. Ich liebe diese CD und hätte mir manches Mal mehr davon in den Konzerten gewünscht. Aber die Pops haben sich weiterentwickelt bzw. die Polka revolutioniert … ein großer Spaß – trotzdem … oder gerade deshalb!?

        Ganz liebe Grüße an Euch Zwei und an Eure Couch-Gang
        Eva

        • Holly sagt:

          Hallo Eva!
          Habe gelesen, daß Selig die Tour im Frühjahr fortsetzen wollen.
          Vielleicht Eure Chance. ;- )

          Wie Du schon sagst, live ist immer anders als auf Platte. Meistens besser. „Die Besten“ hab ich inzwischen oft gehört und Gefallen dran gefunden. Mit den Platten hast Du ebenfalls recht. Manche erscheinen einfach zur falschen Zeit. Man hat keinen richtigen Nerv oder keine Zeit, sich damit zu beschäftigen und merkt erst Jahre später, daß man eine verschmähte Perle im Regal stehen hat. :- )

          Bei der Familie war ich nicht böse, daß sie sich von Jazz Richtung Polka verändert haben. Gerade die letzte Tour war so großartig. Da fiel der Abschied noch schwerer.

          Lieben Gruß
          Holly

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