The Mystery of time

Wie 3 1/2 Stunden im Flug vergehen

Der April ist konzerttechnisch ein sehr bunter Monat und veranschaulicht zudem sehr deutlich unseren breit gefächerten Musikgeschmack. Er begann mit deutscher Popmusik, ging dann über zu Hard Rock, machte einen Polka-Abstecher und endet nun mit einem amtlichen Metalkonzert. Und was für eines es werden sollte! Aber ich greife vor.

Dafür, dass wir in der Regel immer zu den Ersten vor der Halle gehören, waren wir an diesem Donnerstag immens spät. Erst eine gute halbe Stunde vor Einlaß fanden wir uns dank diverser Staus vor der Turbinenhalle in Oberhausen ein. Die Schlange schwarzgekleideter Menschen war bereits von der Straße aus zu sehen und wir hatten uns längst von einem Platz in den vorderen Reihen verabschiedet. Von Näherem betrachtet gab es jedoch einige Lücken in der Reihe der Wartenden, so dass wir uns ein gutes Stück nach vorne mogeln konnten. Die Türen öffneten sich netterweise 10 Minuten vorher und – wer hätte das gedacht? – plötzlich waren wir dann doch in der dritten Reihe links. Nun galt es allerdings noch 90 Minuten vor der Bühne totzuschlagen, denn der Konzertbeginn war auf 20:30 Uhr festgesetzt. Immerhin gab es keine Vorgruppen und man war vor den Frühblüherpollen geschützt.

Avantasia ist das große Projekt von Edguy- Frontmann Tobias Sammet. Das erste Album „The Metal Opera“ erschien im Jahr 2000 und scharte bereit damals schon bekannte Größen der Heavy Metal Szene um sich, wie z.B. die Sänger Michael Kiske oder Kai Hansen. Auf späteren Alben gaben sich dann Jorn Lande, Bruce Kulick, Eric Singer und sogar Meister Alice Cooper die Ehre, um nur ein paar zu nennen. Nun touren Avantasia dieses Jahr im großen Gefolge auf den Bühnen in ganz Europa – ohne Vorgruppe. Mir sind vor allen Dingen die ersten drei Alben im Kopf geblieben, mit den Folgealben bin ich nicht so ganz warm geworden, daher war ich sehr auf diesen Abend gespannt.

Pünktlich um halb neun erlischt das Saallicht und unter den Tönen des Intros „Also sprach Zarathustra“ betreten die Musiker die Bühne. Felix Bohnke, langjähriger Edguy- Kollege von Tobias, nimmt als erstes seinen Platz am Schlagzeug ein. Es folgen Andre Neygenfind am Bass, Sascha Paeth und Oliver Hartmann an den Gitarren, Michael Rodenberg am Keyboard und Amanda Somerville und Thomas Rettke am Backgroundgesang. Mit „Spectres“ vom neuesten Studioalbum wird der Konzertabend eröffnet und die Reise durch 6 Alben Avantasia beginnt. Tobias Sammet selbst erscheint schließlich auf der Treppe hinter Felix und beweist sofort, dass er gut bei Stimme ist. Die Bühnenkonstruktion, die sich über zwei Ebenen erstreckt, erlaubt den Künstlern viel Bewegungsfreiheit und dadurch, dass jeder zwischendurch die Plätze wechselt und mit jedem agiert, wirkt das Zusammenspiel sehr harmonisch.

Beim zweiten Song „Invoke the Machine“, tritt der erste Gastsänger ins Scheinwerferlicht: Ronnie Atkins, Sänger der dänischen Gruppe Pretty Maids, gesellt sich zu Tobi. Sein „dreckiges“ Stimmorgan passt gut in die schnellen Stücke des neuen Albums und bildet einen Kontrast zu der hohen, klaren Stimme von Tobi. Auf die Frage, wer denn wohl das erste Avantasisa Album kennt, bebt die ausverkaufte Turbinenhalle und die 3000 Fans heißen einen weiteren Protagonisten willkommen: Michael Kiske singt gemeinsam mit Tobias zwei Klassiker: „Breaking away“ und „Reach out for the light“. Herr Sammet ist in seinen Zwischenansagen stets zu Scherzen aufgelegt und feixt mal gerne mit seinen Kollegen. Auch Paul Stanleys legendärer Spruch der KISS Reunion – Tour in Oberhausen wird oft zitiert: „Oberhausen!! Your Hausen is my Hausen!!“ und das Publikum reagiert frenetisch.

Ein weiterer Gast ist Magnum Sänger Bob Catley, mit 65 Jahren der Älteste auf der Bühne und dessen rechte Hand niemals stillsteht. Oder er übersetzt das Gesungene simultan in Gebärdensprache. Man weiß es nicht. Bei „Scales of Justice“ hat Thomas Rettke als Leadsänger seinen Moment im Programm. Überhaupt bekommt jeder auf der Bühne ausreichend Aufmerksamkeit und wird entsprechend gewürdigt. Der letzte Gastsänger ist Mr. Big Frontmann Eric Martin, der seine Deutsch- Kenntnisse zum Besten gibt: „Komm in mein Schloß und ich zeige dir meine Avantasia – Plattensammlung“. Obwohl er sich Mühe gibt, hätte ich mir lieber Jorn Lande gewünscht, insbesondere bei „Promised Land“. Nicht falsch verstehen: Er wirkt sympathisch und nett, gesanglich hinkt er meiner Meinung nach jedoch etwas hinterher. Begeistert nimmt er zur Kenntnis, dass viele Metal Fans spontan den größten Hit von Mr Big singen können: „Tobi with you“ (oder war es doch „To be wie you“?)
Die einzige Frau auf der Bühne liefert sich ebenfalls ein Duett mit Tobias, z.B. bei „Sleepwalking“ und „Farewell“. Amanda Somerville ist nicht nur hübsch, sie hat zudem noch eine unglaubliche Bühnenpräsenz und weiß sich zu bewegen. Über ihre tollen Stimme muß man nicht diskutieren.

Die Sänger wechseln sich regelmäßig ab, doch den Fluß der Show beeinträchtigt dies nicht im geringsten. Alles wirkt wie aus einem Guß und jeder hat zwischendurch auch eine Pause. Alle bis auf einen: Felix „Alien drum bunny“ Bohnke hat an diesem Abend kaum einen Moment zum Verschnaufen. Respekt vor dieser Leistung, stundenlang konstant Schlagzeug zu spielen und dabei noch zu Scherzen aufgelegt zu sein. Wo der Duracell-Hase langsamer wird, fängt Felix gerade erst an. ;)
Auf Effekte mit Feuer, Konfetti und dergleichen, wird an diesem Abend verzichtet. Atmosphäre wird durch die gewaltige Lightshow und wechselnde Hintergründe auf einer großen Leinwand hinter der Bühnenkonstruktion erzeugt. Es gibt auch keine einheitlichen Kostüme, lediglich Tobias gibt sich als „Toy Master“ mit Zylinder, Frack und wechselnden Jacken.


Das Publikum scheint nicht müde zu werden (obwohl in den ersten Reihen nach zwei Stunden die ersten kapitulieren und sich aus dem Gewühl verabschieden) und jubelt, klatscht und singt was das Zeug hält. Tobias und Co. werden nicht müde zu erwähnen, dass die Oberhausener wohl das bisher beste Publikum der Tour waren. Was sonst wie Lobhudelei wirkt, erscheint am heutigen Abend jedoch absolut glaubwürdig.
„Dying for an Angel“ wird als letzter Song angekündigt, doch jedem ist klar, dass da noch etwas kommt. Der Zugabenblock besteht ausnahmslos aus Liedern der ersten beiden Alben. Bei „The Seven Angels“ und „Avantasia“ mobilisiert das Publikum die letzten Kraftreserven und geht hundertprozentig mit. „Sign of the Cross“, vom gesamten Ensemble sehr kraftvoll präsentiert, bildet nach 3 ½ Stunden den Abschluß eines Wahnsinns – Konzerts, das wieder Lust geweckt hat, die alten CDs noch mal hervorzukramen und in die neueren intensiver reinzuhören. Oft entdeckt man nach einem Konzert Qualitäten in einem Song, die einem vorher nicht bewusst waren.
Ein Konzerterlebnis wie dieses (3 ½ Stunden ohne Vorgruppe) gibt es heutzutage sehr selten und wer melodischen Metal mag, kommt an einem Avantasia – Konzert nicht vorbei. Bleibt zu hoffen, dass dieses Ensemble noch weitere Touren plant (vielleicht ja dann mit Jorn Lande ;)).

Dying for pics

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