Vorhof zum Schleicher

Mädchen gegen Jungs, die dritte Runde

Ein neuer Monat, ein neues Schleicher-Konzert. Im Duisburger Steinbruch fand am letzten Freitag das dritte von drei exklusiven Konzerten mit beiden Gruppen (Indigo Streichquartett und Andre Krengel’s Acoustic Embassy) statt, welches wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten.
Im Gegensatz zum Cafe Ada in Wuppertal ist der Steinbruch doch sehr klein und es wunderte mich, dass überhaupt alle Instrumente auf die Bühne passten. Die Kerzen auf der Bühne und den Tischen sorgten für stimmungsvolle Atmosphäre und bis zum Beginn konnten wir uns noch nett mit vielen bekannten Gesichtern unterhalten. Es ist einfach schön, dass Musik unterschiedliche Menschen zusammenbringt, die einem auch immer mehr ans Herz wachsen, je öfter man sie sieht.

Andreas eröffnete im roten Hemd mit „Wirklich wichtig“ den Abend und teilte dem Publikum mit, dass er wieder etwas kränkelte und am Morgen ohne Stimme aufgewacht war. Dies war jedoch nur beim ersten Lied noch hörbar – je weiter der Abend fortschritt, desto weniger merkte man etwas davon. Zunächst betrat die „Jungs“-Band die Bühne und es gab zwei Stücke von Andreas zu hören („Füße in Beton“ und „Nur mit dir“), bevor „Shape of my heart“ folgte. Der Kritiker einer Wuppertaler Zeitung hatte letztens Andre Krengels Gitarrenspiel als „zittrig“ beschrieben. Keine Ahnung, ob es noch einen anderen Andre Krengel gibt – der Andre an diesem Abend jedoch versteht absolut sein Handwerk und seine Finger fliegen nur so über die Saiten, wie man bei diesem Stück staunend beobachten konnte.

Anschließend war es für die Mädchen Zeit, zu ihren Instrumenten zu greifen (dies hatte der lokale Pressevertreter knapp verpasst). Vielleicht lag es daran, dass wir direkt vor dem Quartett saßen, aber „Bis hier“ und „Hunger nach Fisch“ klangen in meinen Ohren heute besonders gut, noch besser als auf CD.
In „Hunger nach Fisch“ gibt es eine Passage, bei der das Mitmachen vom Publikum gefragt ist. Im letzten Satz des Raps gilt es, ein Wort zu ersetzen. „Hast du kleine Brüste, lässt du sie operieren, hast du große Brüste, lässt du sie…?“


Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt und es folgten Vorschläge von „filetieren“ bis „tapezieren“. „Karamellisieren“ machte das Rennen. Heiko Braun nutzte diese Vorlage und fragte, ob dies dann „Werther’s Echte“ wären. Chapeau für diesen Gag. :-) Überhaupt zeigte er an diesem Abend, dass er nicht nur ein toller Percussionist und Backgroundsänger ist, er stellte am heutigen Abend des öfteren sein Comedy-Talent unter Beweis. Bei „Flaschengeist“, dem letzten Stück vor der Pause, kam seine besondere Gabe, einen ploppenden Korken aus einer Flasche zu imitieren, zum Einsatz. Teilweise auch spontan zwischendurch, was zu Erheiterung vor und auf der Bühne führte. Vor kurzem ist in einem gewissen lustigen Trio eine Stelle freigeworden – vielleicht hätte eine Bewerbung von Heiko gute Karten.

Im zweiten Teil des Konzertabends, den Andreas im blauen Hemd bestritt, wurde es für kurze Zeit „unplugged“ und für das einzige englischsprachige Lied der CD, „That’s it“, aller Strom abgedreht (sobald die passenden Schalter dafür gefunden waren) und der Sänger schritt mit der akustischen Gitarre durch die Reihen der Zuschauer.
Nach einer weiteren Moderation war es Zeit für „Anderer Stern“. Das Lied ist ohnehin schon eines der schönsten Stücke mit einer traurigen Thematik, die ich kenne. Diese Woche kam dann noch eine persönliche Aktualität hinzu und die Worte passen einfach wie die Faust aufs Auge. Wenn zusätzlich der Vortrag noch so emotional ist (man glaubte Andreas jedes Wort, das er sang), war es kein Wunder, dass nicht nur ich, sondern auch mehrere Personen in der unmittelbaren Umgebung, Taschentücher herauskramten.

Nachdem sich danach alle wieder gesammelt hatten, nahm uns Andreas mit auf eine „kleine Reise“, ein Stück, dass es hoffentlich auf die nächste CD schafft.
„Children“ erfüllte wie gehabt die Erwartungen, die man nach der ersten gespielten Note bereits hat. Wenn alle Instrumente zusammenkommen, haut einen das Klangerlebnis fast um.


Das Publikum bekam im zweiten Teil erneut die Gelegenheit, sich beim „Hunger nach Fisch“ textlich einzubringen. „Telefonieren“ war nun einer der Vorschläge, der
Andre Krengel zu einem Vergleich von der Wählscheibe eines alten Telefons mit dem Vorhof einer weiblichen Brust verleitete.Das Publikum lag am Boden und als Jörg Siebenhaar dann auch noch spontan am Akkordeon einen Karnevalstusch spielte, war es erst mal vorbei. Herr Schleicher setzte noch einen drauf, indem er Andres „lustige Gesichtsausdrücke beim Gitarrespielen“ pantomimisch darstellte. „Je leiser er spielt, desto lustiger schaut er“.
Unter sehr viel Disziplin und Contenance war es dann möglich, das nächste Lied anzustimmen und die Zugaben „Perfekter Song“, „Ab 30“ und „Stop this train“ beschlossen einen wunderbaren Konzertabend. Wenn es Musiker an einem Abend schaffen, einen durch ihre Musik auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitzunehmen, und man sowohl Tränen der Rührung als auch Lachtränen wegwischen kann, dann haben sie alles richtig gemacht.

Durch den kleinen Rahmen des Konzerts und die überschaubare Anzahl an Besuchern (viele davon offensichtlich auch Freunde und Familie der Musiker) hatte man fast das Gefühl, einem Privatkonzert beizuwohnen. Alles wirkte locker, unkompliziert und man merkt den Gruppen an, dass sie mittlerweile aufeinander eingespielt sind, und nur ein Blick genügt, um sich zu verständigen. Auch wenn der Mann am Ton schon mal verwirrende Brummgeräusche verursacht, die die Musiker aus dem Takt bringen.
Die gute Nachricht war, dass diese drei Konzerte nicht die letzten in dieser Konstellation waren und im Herbst weitere Auftritte geplant sind – hoffentlich auf etwas größeren Bühnen.
Wir werden uns jederzeit wieder auf eine „kleine Reise“ machen, um mit dabei zu sein.

Hunger nach Pics

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2 Antworten zu Vorhof zum Schleicher

  1. Jasna sagt:

    Ob denn wohl die Werther`s Echten Spuren von Erdhörnchen enthalten???

  2. Ivonne sagt:

    Ein ganz wunderbarer Bericht in dem ich mich wieder finde.
    Heute beim Einkaufen stand ich vor den Bonbons und habe einen Lachanfall vom Feinsten bekommen als ich die Werters Echten gesehen habe ich konnte sie auch nicht kaufen. Ich glaube ich kann die Dinger nie mehr essen oder auch nur anschauen ohne an dieses Konzert zu denken. ;)

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