25 Jahre Selig

Langzeitwirkung

Zur Abwechslung war es kein Abschiedskonzert, was uns über die Autobahnen cruisen ließ. Ein Jubiläum war der Grund, aus dem wir uns vor dem Kölner Stollwerck einfanden. Ein Vierteljahrhundert ist es her, da wurde ich auf die Musik von Selig aufmerksam. In den Neunzigern liefen ihre Videos in Dauerrotation auf M-TV und Viva. Die Hanseaten waren sogar eine der ersten Bands, die ihre deutschen Lieder auf dem damals noch englischsprachigen M-TV darboten. Damals hatte ich nie die Chance, Selig live zu sehen. Zwar habe ich die Eintrittskarte eines kleinen Festivals, auf dem sie auftreten sollten, aber daraus wurde nichts. Leider löste sich die Band nach drei Studioalben und einer sehr intensiven Zeit Ende der Neunziger auf. Näher als diese Eintrittskarte bin ich einem Konzert nie gekommen, bis sich die Musiker 2009 wieder zusammengefunden haben.
Seitdem haben sie fünf weitere Alben veröffentlich, ihren Keyboarder verloren und ich hatte mehrfach das Vergnügen, seligmachenden Konzerten beizuwohnen.
Um den Start meiner ungebrochenen Begeisterung für diese Band zum fünfundzwanzigsten Jubiläum gebührend zu feiern, haben sich Selig bereit erklärt, auf eine Konzertreise durch die Nation zu gehen und ihr erstes Album komplett zu spielen. Gemeinsam haben wir in Köln unsere langjährige Verbindung (von der sie nichts wissen) gefeiert. Die Konzerte stehen unter dem Motto „Selig spielt Selig“, denn das selbstbetitelte Debutalbum wurde zufälligerweise genau vor einem Vierteljahrhundert veröffentlicht.

Nebel strömte auf die Bühne und kündigte den Beginn des Konzerts an. „Sie hat geschrien“, teilten sie den fast sechshundert Besuchern am Anfang mit. Damit geht nicht nur ihre erste Scheibe los, damit startete ebenfalls das erste Konzert ihrer Jubiläumstour. Die Stimmung war von Anfang an ausgelassen. Die Besucher feierten Selig ab. Viele schwelgten bestimmt in Erinnerung, weil diese Band und ihre Musik so lange Teil des eigenen Lebens ist. Wie versprochen wurden alle Lieder des ersten Albums in der Reihenfolge gespielt. Selbst bei selten oder bisher noch gar nicht live gespielten Stücken, wie „Tina“ und „Ja“ bewiesen die Zuschauer ihre Textsicherheit und sangen aus vollen Kehlen mit. 

Auf der Bühne war alles wie immer. Jan stand keine Sekunde still. Immer singend in Bewegung und in Kontakt mit dem Publikum. Leo und Christian rockten auf ihrer Bühnenseite, und manchmal auch zusammen. Stoppel durfte an einer Stelle ein Schlagzugsolo zum Besten geben. Ob es wirklich sein erstes war, wie Herr Plewka angab, lassen wir mal dahingestellt. Zum Jubiläum wäre es schön gewesen, wenn Malte wieder am Kasten mit den Tasten gesessen hätte, aber sie hatten sich eine namenlose Verstärkung geholt. Er stellte sicher, daß die Lieder live so klangen, wie man es kennt und steuerte neben den Orgelklängel ebenfalls den Hintergrundgesang bei. Zwar wurde er vom Sänger  nicht namentlich vorgestellt, hatte aber sichtlich Spaß am Konzert. Alle fünf Musiker hatten den ganzen Abend über ein Lachen im Gesicht. Wie hätte es bei dem ausverkauften und feiernden Saal anders sein können.

Als die Musiker zum vorletzten Lied ansetzten, unterbrach Jan seine Kollegen kurz. Er hatte einen Blackout und mußte erst von Stoppel den Anfang der ersten Strophe souffliert bekommen. Bei „Meinetwegen“ zeigte die Band nochmal, wie man amtlich rockt. Damit fehlte vom Debut lediglich der letzte Track, aber Selig verließen nach siebzig Minuten erst einmal die Bühne. Es dauerte nicht lange, bis die Sprechchöre die Musiker zurückholten. Jan begrüßte die Menge, als würde das Konzert gerade erst anfangen. „Ist es wichtig“ vom zweiten Album fragten sie die Zuschauer. „So richtig wichtig ist es nicht“, schallte es zurück.

Danach folgten mit „Schau Schau“ und „Wir werden uns wiedersehen“ zwei Lieder vom Reunion-Album. Das Liebeslied „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ beendete den Zugabenblock. Falls möglich, steigerte sich die Stimmung bei den vier Liedern nochmal. Spätestens da sang jeder im Raum mit. Auch die neuen Stücke sind bereits Klassiker. Aber, welche Lieder von Selig sind nicht klasse?
Die Hamburger nähten einen musikalischen Bettbezug, aus den Zeiten, die wir alle gemeinsam hatten. Die Zuschauer schienen sich darin sehr wohl zu fühlen. Minutenlang war ein vielstimmiges „Oho-ohohohoo“ im Saal zu vernehmen. „Fadensonnen“ beendet nicht nur das erste Album, sondern nach knapp zwei Stunden ebenfalls das erstklassige Konzert einer spielfreudigen Band vor einem gut aufgelegten Publikum. 
Schöner hätten Selig mein zehntes Konzert und mein fünfundzwanzigstes Jahr nicht feiern können. Auf das nächste Vierteljahrhundert oder die nächsten zehn Konzerte mit Euch. Ich werde ewig mit Euch gehen.

Sie hat geknippst

 

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