Der lachende Schotte

Inside bleibt Outside

„Kommt ein lachenden Schotte in den Saal…“. So könnte ein Witz anfangen. Oder ein Konzert. Bei uns war es Letzteres. Anfang Mai war es soweit, nachdem Ray Wilson vier Jahre lang einen Bogen um meine Heimatstadt gemacht hat, überwand er Zeit und Distanz, um wieder in Netphen zu spielen. Es war sein viertes Konzert in der Georg-Heimann-Halle. Für uns, das zehnte Konzert von ihm in fünfzehn Jahren. Irgendwie ein doppeltes Jubiläum und ein Grund zum feiern. Und das taten wir, mit einem Freund und fast fünfhundert Menschen in der ausverkauften Halle.

Laut Aussagen der Veranstalter war die ehemalige Kulturhalle noch nie so voll. Und laut unserer Erfahrung, war die Stimmung noch nie so mitreissend. Schon beim ersten Lied, „No Son of Mine“ klatschten alle im Takt mit und zauberten ein Lächeln auf Rays Gesicht. Dieses Lachen sollte den ganzen Abend nicht aus dem Gesicht des Schotten weichen. Ein ungewohnter Anblick, meistens schaut er ernster drein. Wie gewohnt gestaltete sich das Set aus Stücken von ihm, Genesis und Liedern aus dem Genesis-Umfeld. Einmal möchte ich ein Konzert erleben, in dem er nur eigene Songs spielt, aber das wird ein Wunschtraum bleiben. Die meisten kommen zu seinen Konzerten, um die Genesis-Lieder nochmal in tollen Arrangements live zu erleben. Gerade bei den bekannten Stücken von Phil Collins und Peter Gabriel unterstützen die Zuschauer Ray gerne lauthals beim Gesang.

Seine eigenen Songs wurden, vielleicht nicht ganz so enthusiastisch, aber doch gebührend gewürdigt. Dafür sind die Lieder einfach zu gut und wurden vorallem wieder sensationell von der Schottisch-Polnisch-Musikergemeinschaft präsentiert. Mitgebracht hatte er die kleine Bandbesetzung, in der Bassist und zweiter Gitarrist fehlten. Das machten sein Bruder Steve Wilson an der zwölfsaitigen Gitarre und Marcin Kajper an Bass, Saxophon und Flöte, spielend wett. Druck- und gefühlvoll präsentierten sie die Stücke. Ein Highlight für mich war die Live-Version von „Makes me think of Home“.  Die letzten Stücke des Abends stammten ebenfalls wieder alle aus der Genesis-Schmiede, inklusive „I can’t dance“. Dieses Lied hatte er lange nicht mehr im Programm. Die Genesis-Breitseite ist ein sicherer Weg, um das Konzert zu beenden und so wurden die Besucher euphorisch in die Netpher-Nacht entlassen.

Wie gewohnt bekamen wir zweieinhalb Stunden senationelle Livemusik geboten. Ungewohnt war lediglich das Fehlen vom größten „eigenen“ Hit des Schotten. „Inside“ wurde nicht gespielt und damit war unser Jubiläumskonzert das Erste, an dem dieses Stück nicht in der Setlist stand. Schade,  eigentlich ein zeitlos genialer Rocksong. Das war aber nur ein winzig kleiner Wehrmutstropfen an diesem Abend. Denn es war wieder umwerfend, was die fünf Musiker auf die Bühne und in die Ohren gezaubert haben. Nicht nur unser Freund war begeistert, daß sich solche Profimusiker ins beschauliche Netphen verirren. Ich bin mir sicher, Ray läßt nach dem Empfang bestimmt nicht wieder vier Jahre verstreichen, bevor er zurückkommt.


Jetzt hab ich’s. Das war kein Witz, sondern eine englische Bauernweisheit. „Betritt ein lachender Schotte den Saal, hinterläßt er jubelnde Menschen.“ So macht’s Sinn.

In Your Eyes

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