Spontaner Albtraum

Wicked Old Man

Einer, der stetig die Bühnen dieser Welt unsicher macht, ist Alice Cooper. So kam es, daß er kurz nach der Classic meets Rock Tour schon wieder mit seiner eigenen Show in Dortmund gastierte. Obwohl er regelmäßig in Deutschland unterwegs ist und er eine besondere Rolle in unserem Leben einnimmt, haben wir ihn seit 2011 nicht mehr live gesehen. Entgegen unseren Gewohnheiten war dieser Konzertbesuch nicht Monate im voraus geplant. Morgens vor der Arbeit ging es zum lokalen Ticketschalter und nach der Arbeit direkt nach Dortmund, wo es sich bereits eine handvoll Fans vor den Türen bequem gemacht hatten. Zu unserer Überraschung waren viele junge Fans darunter und viele weibliche. Alice scheint auch im hohen Alter nichts von seiner Anziehungskraft verloren zu haben.

Pünktlich ging es in die kleinere Westfalenhalle, die zwar nicht ausverkauft war, aber in der von Anfang an eine gute Stimmung herrschte. Als das Licht ausging und „The Underture“, das Intro zu seinem letzten Album erklang, gab es schon kein Halten mehr. Unzählige Hände wurden in die Luft gereckt um den Meister des Shock-Rock zu empfangen, der seine Jünger mit „Hello Hooray, let the Show begin“ begrüßte. Danach feuerte er „House of Fire“ ab, ein Lied aus seinem zweiten Frühling, dabei liegt der auch schon 25 Jahre zurück. Wie schnell die Zeit vergeht. Was man Alice allerdings nicht anmerkt. So sieht kein Rockopa aus, auch wenn er sich im Laufe der Show auf Stock und Krücke stützt. Gimmicks, die seit Jahren zu den entsprechenden Liedern gehören, wie die schwarze Schminke um Alice‘ Augen. Ansonsten bewegt er sich über die Bühne, führt verschiedene bekannte und neue Utensilien vor und rockt zusammen mit der Band durch den Abend. Ermüdungserscheinungen bei Alice, Band oder Publikum sucht man vergebens. Es gibt halt nur einen Alice Cooper der die richtige Mischung aus Rock, Theater und Horror so humorvoll und stilsicher auf die Bühne bringt.

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An der Band hat sich seit der letzten Tour nicht viel getan. Lediglich sein alter Weggefährte Ryan Roxie ist zurück an der Gitarre. Die Band hatte viel Spaß auf der Bühne und alberte während der Show miteinander rum und kommuniziert mit Blicken und Gesten mit dem Publikum. Stellvertretend für Alice, der für gewöhnlich keine Ansprachen hält, sich auf die Show konzentriert und lediglich am Ende die Musiker vorstellt. Kurz nach dem Konzert verabschiedete sich Orianthi aus der Band, so daß wir im Nachhinein froh waren, die australische Blondine, und erste Frau in Alice‘ Band, nochmal live erlebt zu haben. Sie paßte perfekt ins männnliche Bandgefüge und harmonierte gut mit Alice.

Die Show wurde in der zweiten Hälfte theatralischer, als Alice mit übergroßem Zylinder im Nebel erschien und die Zuschauer zu seinem Albtraum willkommen hieß. Eine Pfadfinderin mit Karte in der Hand lief über die Bühne, auf der Suche nach der Jugendherberge am Crystal Lake. Horror Fans wissen, daß das die Wirkungsstätte von Jason Vorhees ist, der nicht lange auf sich warten ließ und sein vermeintliches Opfer hinter die Bühne zerrte.
Bei „Feed my Frankenstein“ wurde wieder ein kleines Labor, wie aus den Gruselfilmen der 1930’ger, aufgebaut. Alice trug einen blutverschmierten, langen weißen Laborkittel, bereit, sein Monster zu erschaffen. Und wie schon auf der letzten Tour schaffte er es, ein riesiges Abbild von sich zu erschaffen, das mit über die Bühne lief und das Lied zuende sang. Damit war es wesentlich textsicherer als noch 2011. :-)

Wer öffentlich solche verrückten Experimente durchführt, muß sich nicht wundern, wenn sich andere Personen ängstigen und Maßnahmen ergreifen. So dauerte es nicht lange bis sich jemand Alice schnappte und in eine Zwangsjacke steckte um dem Treiben ein Ende zu bereiten. Während des Liedes wurde er von einer Krankenschwester drangsaliert, gespielt von seiner Frau. Die meldete sich nach Jahren der Abstinenz zurück auf der Bühne und ersetzte ihre Tochter, die von 2000 bis 2009 diverse Rollen übernahm und sich scheinbar für die mißratene Erziehung an ihrem Vater rächte. Nicht selten hatte sie seinen Kopf in der Hand. Oder er ihren. Eine typische amerikanische Familie. Wahrscheinlich…
Selbst ein Ehering hielt Alice nicht davon ab, zu versuchen die Dame in weiß zu erwürgen. Die Strafe folgte auf den Fuß und damit der Höhepunkt jeder Show: die Guillotine wurde reingerollt.

Wenn die Klinge fällt und der Kopf rollt, gröllt das Publikum am Lautesten. Es ist zwar ein simpler Trick, doch er ist immer wieder lustig anzusehen und paßt einfach in die Gruselstimmung eines Cooper-Konzerts. Die Einlage ist halt nichts für zarte Gemüter, denn nach der Exekution holt der Henker den Kopf aus dem Korb, kommt zum Bühnenrand und zeigt ihn den begeisternden Zuschauern. Er gibt ihm einen langen Kuss, um dann das Blut in die Menge zu spucken. Erwischt hat es die Dame neben uns. :-)
Jetzt folgte die titelgebende Auferweckung. Auf der Bühne wurden vier Grabsteine, von Jim Morrison,  John Lennon, Jimi Hendrix und Keith Moon, eingeblendet. Alice erscheint und singt die Lieder der Toten. Die Coverversionen sind zwar nicht schlecht, wir hätten uns aber lieber vier Lieder von Alice selber gewünscht, schließlich hat er in seiner Laufbahn genug gutes Material geschrieben.

Neben dem Zylinder gehören einfach die schwarze Lederhose- und jacke zu dem Outfit, mit dem wir Alice verbinden. Da gehört er rein und es kommt zusammen was zusammen gehört. In dieser Montour spielte er zwei seiner bekanntesten Nummern, „I’m eighteen“ und „Poison“, und leitete damit den Abschluß dieser kleinen Horrorshow ein. Sowohl auf, wie vor der Bühne wurde nochmal alles gegeben und die Lieder frenetisch abgefeiert. Folglich ließen die Zugabenrufe nicht lange auf sich warten. Alice, der weiß was er seinem Publikum schuldig ist, spannte niemanden in der Westfalenhalle lange auf die Folter und kam mit goldenem Jackett und Zylinder zurück. Bunte Luftballons wurden von Helfern in die Halle geworfen. Genau wie „School’s out“ dürfen die Ballons bei einem Alice Cooper Konzert nicht fehlen. Während die Band Gas gab und Alice die Leute aus der Schule entließ, wurden die Ballons von den Händen des Publikums immer wieder weitergereicht. In Bühnennähe brachte Alice oder einer der Musiker die Ballons zum Platzen. Als kein Ballon mehr übrig war und die letzten Noten verstummten, beendete das angehende Saallicht diesen Rock-(Alb)traum

Bei Alice wird man nie enttäuscht und bekommt immer was man erwartet: eine neunzig minütige Rockshow. Wobei Show wirklich wörtlich zu verstehen ist. Eine grandiose Band, die die immer leicht wechselnde Setlist perfekt zum Leben erweckt und Alice den Rücken stärkt. Wir haben uns gefragt,  warum wir dieses Mal zögerten hinzugehen. Beim nächsten Mal werden wir die Karte an der Pinnwand wieder wochenlang vor Vorfreude anstarren wenn es wieder heißt: „He’s back“. ;-)

Raise the Pics

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https://youtu.be/4UFMfEMBK50
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