Verspätungen vorbehalten

Wortspielereien in Wetzlar

Es ist wirklich eine komische Zeit, man traut sich kaum noch, sich auf Veranstaltungen zu freuen, zu viel ist kurzfristig abgesagt worden und nicht alles wegen Corona. In der Vorwoche saßen wir in der Kölner Philharmonie und pünktlich zum Beginn betraten der Techniker und die Agentin des Künstlers die Bühne und sagten den Auftritt ab. So etwas hatten wir auch noch nicht erlebt, aber es kann halt niemand was dafür, wenn er krank wird. Trotzdem fuhren wir letzte Woche mit gemischten Gefühlen ins Nachbarbundesland, um eine weitere Eintrittskarte abarbeiten zu lassen. Mit zwei Jahren Verspätung fing der Abend pünktlich um 20.00 Uhr an. Zumindest für die meisten.

Torsten Sträter begrüßte sichtlich erfreut das hessische Publikum. Obwohl die Stadthalle ausverkauft war, blieben noch viele Plätze frei. Ein paar Sitzen wurden nach und nach gefüllt, denn einige Zuschauer kamen erst kurz nach 20.00 Uhr. Damit sie ihre Sitze nicht im Dunkeln suchen mußten, ließ der Künstler das Saallicht anmachen und wollte es auch nicht ganz dimmen lassen um endlich nochmal sein Publikum sehen zu können. Für die nächsten Zuspätkommer war das ebenfalls von Vorteil. Denn es riss nicht ab. Während Torsten Sträter auf der Bühne erzählte, kamen immer wieder Nachzügler in den Saal und suchten ihren Platz. Einen wies er daraufhin, daß 2022 auf der Karte für das Jahr stand, nicht für die Uhrzeit. Aber weitere zehn Minuten später kam ein Pärchen, weil es noch gegrillt hatte. Da merkte man Torsten Sträter an, daß selbst er es nicht ganz so lustig fand. Obwohl, wenn man es genau nimmt, waren es gar keine unhöflichen Hessen, sondern sehr wahrscheinlich die größten Fans des Künstlers in der Halle, die sich an seinem Programm “Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein” orientiert hatten.
Trotzdem wiederholte er im Schnelldurchlauf für die begeisterten Griller, was er bisher erzählt hatte. Nämlich, daß das Programm eigentlich schon zwei Jahre alt sei und er es in der Zwischenzeit überarbeitet hat. Über seinen Vater und seine Kindheit wollte er nicht mehr erzählen und sein Sohn bat ihn, ihn auch aus den Programmen zu lassen. Er erwähnte den ganzen Abend immer wieder, daß sein Sohn nicht vorkommen wollte, wenn er Geschichten von ihm erzählte.

Von Familienmitgliedern abgesehen, war der Abend eine Art Zusammenfassung der vergangenen zwei Jahre. Als Zuschauer ist man schon mal frustriert, weil soviel ausfällt, aber im Prinzip ist es ein Luxusproblem. Zu selten macht man sich Gedanken um die andere Seiten, denn den Künstlern und Technikern fällt das Einkommen weg. Torsten Sträter hat mehrfach erwähnt, welche Auswirkungen die Situation auf ihn hat(te) , inklusive auftretender Existenzängste. Zum Glück reicht sein Erspartes bis zum Lebensende. Wenn das Ende nächsten Mittwoch eintritt, sonst wird es knapp. Und mit diesem Humor hat er nicht nur die problematischen Erlebnisse, sondern auch alltägliche Situationen mit vielen Wortspielereien beschrieben und den Saal zum Lachen gebracht.  Ein Lachen, das beiden Seiten gut tat. Endlich nochmal zusammen mit anderen Menschen lachen zu können, ist ein Luxus, der in den letzten zwei Jahren Seltenheitswert hatte. Genauso, wie Leute von der Bühne aus laut Lachen zu sehen und zu hören, nach denkwürdigen Auftritten in Autokinos, nehme ich an.

Ich wage mal das Fazit, daß alle Anwesenden, vor und auf der Bühne, einen amüsanten Abend hatten. Für einen war es endlich wieder ein normaler Arbeitstag, der dem Publikum half, aus ihrem für zwei Stunden zu entfliehen. Und als wäre nichts gewesen, saß Torsten Sträter in der Pause und nach der Show am Merchandisestand, gab Autogramme und plauderte mit den Zuschauern, bevor diese glücklich die Stadthalle verließen und sich auf das Einholen der Ernte am nächsten Tag freuten. Oder was man sonst so in Wetzlar macht.

Fotos von der Balustrade (Erster Einsatz für die neue Kamera)

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